Labour droht die Spaltung

Der britische Labour-Oppositionschef Jeremy Corbyn klammert sich an sein Amt, obwohl die Rücktrittsrufe immer lauter werden. Sogar Premier Cameron stimmte ein: «Mann, gehen Sie!»

Sebastian Borger
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LONDON. Wie jede Woche bleibt der Oppositionsführer auch an diesem Mittwoch ruhig. Jeremy Corbyn nutzt die sechs ihm zur Verfügung stehenden «Fragen an den Premierminister» zu Erkundigungen über die Brexit-Folgen: Was unternimmt die Regierung gegen die Jobunsicherheit? Was gegen die rassistischen Verbrechen? Wie ist es um die Sicherheit der Pensionskassen bestellt? Fünfmal antwortet der Regierungschef sachlich. Doch als der Labour-Chef seine Redezeit verbraucht und auf die verbleibenden zwei Amtsmonate des Premier angespielt hat, platzt David Cameron der Kragen. Es sei ja vielleicht im Interesse seiner konservativen Partei, den unfähigen Gegenspieler im Amt zu behalten. Im Interesse der Nation aber sei es nicht, schleudert er über das Rednerpult hinweg und sieht dem Kontrahenten direkt ins Gesicht: «Um Himmels willen, Mann, gehen Sie!»

Rückhalt verloren

Die konservativen Abgeordneten hinter Cameron jubeln, auf den Labour-Bänken herrscht betretenes Schweigen. Keiner will zeigen, was alle Beobachter längst wissen: 80 Prozent der Fraktion teilen die Meinung des Premiers auf Abruf. Die Referendumskampagne und das Votum für den Brexit haben nicht nur die tiefen Gräben in der Regierungspartei offengelegt, den Regierungschef als haltlosen Pokerspieler entlarvt und ihn zum Rücktritt gezwungen. Zum Vorschein kam auch die Unfähigkeit des Linksaussen Corbyn zu einer disziplinierten Kampagne im Interesse von Partei und Land.

Der 67-Jährige wirkt wie ein Überbleibsel aus den 1970er-Jahren. Im Unterhaus agierte er 32 Jahre lang als Protestfigur und Advokat seiner Lieblingsthemen: gegen den US-Imperialismus, für die Vereinigung Irlands, gegen die Unterdrückung Palästinas durch Israel. Als die Sozialdemokraten letztes Jahr nach verlorener Wahl einen neuen Chef suchten, machten sich Linke und Linksradikale das Urwahlsystem zu Nutze. Während Vertreter des rechten und moderat linken Flügels sich gegenseitig die Stimmen abnahmen, triumphierte der vermeintlich Unwählbare mit 60 Prozent.

Corbyn schaltet auf stur

Neun Monate hat Corbyn Partei und Fraktion geführt, skeptische Ex-Minister wie Hilary Benn (Umwelt, Entwicklungshilfe), Charles Falconer (Justiz) oder Angela Eagle (Finanzen) stellten sich zum Wohl der Parteieinheit fürs Schattenkabinett zur Verfügung. Doch bald verstärkte sich der Eindruck, den eine fast gleichaltrige Labour-Aktivistin so beschreibt: «Er ist im Protest steckengeblieben. Führung ist seine Sache nicht.»

Den Brexit nahm Corbyn hin, als sei nichts gewesen. Dabei gilt der Unmut vieler Arbeiterbezirke nicht nur der EU und der konservativen Regierung, sondern auch der Partei, von der sich traditionelle Labour-Wähler im Stich gelassen fühlen. Während der Premier sofort seinen Rücktritt ankündigte, wollte der Oppositionsführer zum Popmusik-Festival nach Glastonbury reisen. Erst eine Revolte der Fraktion brachte ihn zur Besinnung.

Den Chefrebellen Benn feuerte Corbyn noch; doch seither sind ihm Dutzende von Mitgliedern der Schattenregierung davongelaufen. Am Dienstag abend sprach die Fraktion dem Chef mit 172:40 Stimmen das Misstrauen aus. Der aber blieb ungerührt: «Ich habe ein Mandat von den Mitgliedern.»

Fünf dieser Mitglieder versammeln sich wenige Stunden nach der Vertrauensabstimmung um einen Küchentisch – im Nord-Londoner Stadtviertel Islington, ausgerechnet Corbyns Wahlkreis. Es geht um die Person Corbyn, um Labours Kernwählerschaft – und immer wieder um das Problem, was die instinktiv internationalistische, für soziale und ethnische Minderheiten eintretende Partei jenen Millionen von Briten sagen soll, die sich eine Einschränkung der Einwanderung wünschen. Kommt es womöglich sogar zur Spaltung? «Jeremy würde das in Kauf nehmen», glaubt ein aufstrebender Unterhaus-Abgeordneter aus dem Norden. Dessen Erzählungen von den Alltagsnöten seiner Wahlkreisbürger klingen für die Londoner Bildungsbürger wie von einem anderen Stern.

Wahldebakel wäre absehbar

In Westminster versuchte sich die Fraktion gestern auf eine Übergangsfigur zu einigen, die den Vorsitzenden herausfordern soll. Es muss schnell gehen. Denn wenn im September ein neuer Premier antritt, könnte es wenige Wochen später zu Neuwahlen kommen. Sollte dann Corbyn noch im Amt sein, lautet die düstere Prognose des Ex-Innenministers David Blunkett, «dann werden wir ausgelöscht».