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Venezuela: Ein Land am Rande des Kollaps

Ein Besuch im Land, wo die Einwohner ums Überleben kämpfen müssen. Und darauf hoffen, dass ihr Machthaber Nicolás Maduro bald gestürzt wird.
Klaus Ehringfeld, Caracas
Die Mitarbeiter der Clap (Lokale Komitees zur Versorgung und Produktion) bereiten die Lebensmittelkartons für die Bevölkerung vor. Bild: Manaure Quintero/Getty (Caracas, 2. Juli 2016)

Die Mitarbeiter der Clap (Lokale Komitees zur Versorgung und Produktion) bereiten die Lebensmittelkartons für die Bevölkerung vor.
Bild: Manaure Quintero/Getty (Caracas, 2. Juli 2016)

Rosíris Toro hat gewartet. Und gewartet. Erst 30 Tage, die sind ja üblich. Dann 35. Danach wunderte sie sich schon, wo dieser graue Karton bleibt, den Toro wie Millionen andere Venezolaner hasst und ohne den sie doch nicht kann. Mit dem Hunger wuchs die Wut. 46 Tage hat es dieses Mal gedauert, bis der Clap-Karton von der Regierung geliefert wurde. «Unverschämt», sagt diese energische Frau von 50 Jahren so laut, dass es auch noch die Nachbarn hier im Stadtteil Petare hören können. «Die Regierung spielt mit unserer Gesundheit.»

Rund zwei Wochen nach Anfang der neuen Zeitrechnung in Venezuela: Das Land, das Hugo Chávez einst in ein sozialistisches Paradies verwandeln wollte, versucht sich gerade seines Machthabers Nicolás Maduro zu entledigen. Derjenige, der hauptverantwortlich dafür ist, dass sich der einst reiche Ölstaat in einen internationalen Sozialfall verwandelt hat. Mit dem jungen Juan Guaidó steht plötzlich ein paralleler Präsident da, der Maduro das Amt streitig macht, der von 40 Staaten auf der Welt als legitimer Repräsentant Venezuelas anerkannt wird und der doch ein König ohne Land ist.

Noch kontrolliert Maduro die Institutionen des südamerikanischen Landes, vor allem das Militär. Und noch schickt er die Clap-Kartons. Rosíris Toro greift zum Messer, trennt das Klebeband vom Karton ab und holt raus, was drin ist. Thunfisch aus Ecuador, Ketchup aus Brasilien, Bohnen aus Kanada, Nudeln aus der Türkei, Reis und Maismehl aus Mexiko. Der Clap-Karton ist so etwas wie die Vereinten Nationen der Nahrungsmittelhilfe. Aber es fehlt zum Beispiel Fleisch, früher war wenigstens Hühnchen dabei. Die «Lokalen Komitees zur Versorgung und Produktion» (Clap) rief die venezolanische Regierung vor knapp drei Jahren ins Leben, um die Versorgungskrise vor allem bei den Ärmsten zu lindern. Sie sind noch immer die wichtigste Klientel der regierenden Chavisten.

Wer kann, der flieht

Inzwischen erhalten laut Hilfsorganisationen wie der Caritas 60 Prozent der venezolanischen Familien die Clap-Kartons. Aber auch die Nahrungsmittelhilfen haben nicht verhindert, dass die Venezolaner immer mehr abmagern. Laut der Erhebung der drei wichtigsten venezolanischen Universitäten zu den Lebensbedingungen (Encovi) aus dem vergangenen Jahr haben 64 Prozent der Bevölkerung bis zu elf Kilo an Gewicht verloren.

«Früher kamen die Clap jeden Monat, jetzt nur noch alle 45 Tage», sagt Toro, die in Petare eine Nachbarschaftsinitiative leitet und nie eine Anhängerin der Chavisten war. «Ohne die Futterpakete müssten wir verhungern, aber auch so reicht es schon nicht wirklich.» Denn selbst wenn es mal in den Supermärkten was zu kaufen gibt, dann kann es kaum jemand bezahlen, weil die Inflation die Löhne frisst. Ein Kilo Fleisch kostet einen halben Monatslohn, ein Sechserpack Windeln gleich vier.

Auch die Lebensmittel für die Clap-Kisten muss Venezuela im Ausland einkaufen, weil es selber nicht mehr in der Lage ist, Grundnahrungsmittel zu produzieren. Nach 20 Jahren Chavismus und vor allem fünf Jahren Maduro an der Staatsspitze lesen sich Venezuelas Parameter wie die eines Landes nach einem langen Krieg.

Die Wirtschaftskraft des einst reichen Landes hat sich in den vergangenen sechs Jahren halbiert, sie schrumpfte allein vergangenes Jahr um 18 Prozent. Es gibt keine Medikamente, keine Nahrungsmittel, das Geld ist nichts mehr wert, die Gewalt ist nirgends in Lateinamerika so schlimm wie in Venezuela. Kein anderes Land der westlichen Hemisphäre hat jemals in so kurzer Zeit einen so tiefen Absturz hingelegt. Wer kann, der flieht. Drei Millionen Venezolaner haben das Land in den vergangenen Jahren verlassen. «Diese Typen haben das Land zerstört», findet Rosíris Toro.

Das Benzin könnte bald ausgehen

Wie diese Zerstörung aussieht, kann man bei einem Besuch in ihrem Viertel sehen. Wobei Stadtviertel für Petare nicht ganz der treffende Begriff ist. Die Gegend im Osten von Caracas ist mit knapp zwei Millionen Einwohnern eines der grössten Armenviertel Lateinamerikas. Aber nach Jahren der Mangelwirtschaft sieht es an manchen Ecken aus wie in der Dritten Welt.

An den Strassenrändern türmt sich der Abfall, weil die Müllabfuhr nicht mehr kommt. Menschen klauben das letzte Essbare aus den Resten. Autowracks zieren den Strassenrand, weil es keine Ersatzteile mehr gibt. Ein Reifen kostet umgerechnet 75 Euro, der Mindestlohn liegt aber bei nur sechs Euro. Wasser und Strom wird rationiert. «Das Zusammenbrechen der staatlichen Serviceleistungen habe die Regierung viel Zustimmung gekostet», sagt Toro. «Gerade in Vierteln wie Petare, die über Jahre die Bastion der chavistischen Regierung waren.» Als Juan Guaidó am 23. Januar zu Massenkundgebungen aufrief, gingen auch in Petare die Menschen auf die Strassen und machten ihrem Ärger über die Situation Luft. Die Regierung schickte die gefürchtete Spezialeinheit der Polizei Faes und liess die Proteste niederschlagen. Dutzende Menschen starben. Und der Druck auf die Regierung steigt weiter. Durch die jüngsten US-Sanktionen fehlen dem Land rund 300 Millionen Dollar täglich in der Staatskasse. Geld, das half, um die Lebensmittel der Clap-Futterkisten in der ganzen Welt zusammenzukaufen und Benzin zu importieren. Schon in den kommenden Tagen könnte dem Land das Benzin ausgehen.

Die Konsequenzen wären fatal. Der Verkehr würde zusammenbrechen und in der Folge auch die Versorgung, weil nichts mehr transportiert werden kann. «Es wäre vermutlich das Ende des Maduro-Regimes», sagt ein westlicher Beobachter. «Wenn zum internationalen Druck auch noch die totale wirtschaftliche Notlage kommt, haben wir den perfekten Sturm.» Rosíris Toro ahnt, was das bedeuten könnte. «Dann kommen die Clap-Kisten noch unregelmässiger und wir haben noch mehr Hunger», sagt sie. «Aber wenn wir diesen Albtraum so beenden können, dann ist es das wert.» Sie und die grosse Mehrzahl des venezolanischen Volkes hätten jetzt den Punkt erreicht, an dem es kein Zurück mehr gebe. «Wir müssen Maduro jetzt loswerden, sonst schaffen wir das nie mehr.»

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