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Kunsthistorikerin zu Notre-Dame:  «Einiges ist unwiederbringlich verloren»

Susan Marti konnte es nicht glauben. «Unvorstellbar», wirkten die Bilder der brennenden Notre-Dame auf die Kunsthistorikerin und Kuratorin am Bernischen Historischen Museum. Was die Zerstörung und ein Wiederaufbau aus ihrer Sicht bedeuten, sagt sie im Video-Interview.

Adrian Reusser / Simone Morger
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Die markanten Türme, die gewaltige Rosette, die gruseligen Wasserspeier, die Victor Hugo zu seinem «Glöckner von Notre-Dame» inspiriert haben – das ist es vor allem, was für viele die weltberühmte Kathedrale in Paris ausmacht.

«Dass der ganze Dachstock gebrannt hat, ist vielleicht nicht so spektakulär für den gewöhnlichen Besucher, aber das war ein 800 Jahre alter Dachstock», sagt Susan Marti. «Jeder einzelne Eichenstamm bestand aus einem anderen Baum.» Diese Informationen seien durch das Feuer teilweise «unwiederbringlich verloren» gegangen.

Marti ist Kunsthistorikerin am Bernischen Historischen Museum in Bern. Als sie erfuhr, dass in der Notre-Dame ein Feuer ausgebrochen ist, konnte sie das erst gar nicht glauben: «Die Notre-Dame ist das Symbol der Beständigkeit, sie ist das Zentrum der Stadt.» Marti selbst besucht die Kathedrale bei jedem Besuch in Paris.

«Geschichte der Fragilität»

Am frühen Montagabend ist im Dachstock des weltberühmten Touristenmagneten ein Feuer ausgebrochen. Marti: «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass tatsächlich Teile davon zusammenstürzen.» Eingestürzt ist der Dachreiter aus dem 19. Jahrhundert, die Skulpturen, diesen Turm geschmückt haben, sind laut Marti vor der Renovation, die vor dem Brand im Gange war, in Sicherheit gebracht worden.

Noch am Montag sagte der französische Staatschef Emmanuel Macron vor Ort, die Notre-Dame werde wieder aufgebaut, die Milliardärs-Familie Pinault versprach 100 Millionen Euro. Ein Wiederaufbau hat laut der Kunsthistorikerin verschiedene Aspekte. «Er ist wichtig, da wir uns nicht vorstellen könnten, den Bau als Ruine zu belassen. Andererseits ist es einfach so, dass es nicht möglich ist, die Originale wirklich zu ersetzen. Die sind einfach weg.»

Diese «Geschichte der Fragilität» werde künftig zur Kathedrale gehören und auch sichtbar bleiben. «Es ist auch wichtig, dass man sich dieser Fragilität von kulturellem Erbe stellt.»