Kultur-Sturm im Wasserglas

Die Rede Benedikts XVI. im Deutschen Bundestag hat einen kleinen Kulturkampf ausgelöst. Dieser wurzelt in einer Schlagzeile der «Bild-Zeitung» von 2005. «Wir sind Papst», bejubelte das Blatt damals die Wahl des neuen Pontifex.

Drucken
Teilen

Die Rede Benedikts XVI. im Deutschen Bundestag hat einen kleinen Kulturkampf ausgelöst. Dieser wurzelt in einer Schlagzeile der «Bild-Zeitung» von 2005. «Wir sind Papst», bejubelte das Blatt damals die Wahl des neuen Pontifex. Viele nahmen die Schlagzeile amüsiert hin, andere nahmen den nationalistischen Unsinn ernst.

Doch die Deutschen sind nicht Papst, der Papst ist ein Deutscher. Aus dieser simplen Wahrheit ergibt sich eine simple Folgerung: Dass ein Deutscher Oberhaupt einer Kirche ist, die allein in seiner Heimat 25 Millionen Gläubige zählt, macht seinen Besuch zu einem besonderen Ereignis. Es gibt aber keine Kollektivschuld deutscher Katholiken an der Frauenfeindlichkeit des katholischen Klerus und ihres Oberhirten oder am Missbrauch katholischer Kirchenmänner an Schutzbefohlenen und am langen Wegschauen des Pontifex. Die meisten Katholiken zürnen ihrer Kirche dafür – und bleiben doch Katholiken.

Auch wenn Ärger über die Ausrichtung einer PR-Aktion für die katholische Kirche durch die Regierung legitim ist, der Vorwurf, dies gefährde die Religionsfreiheit, ist Unsinn. Oppositionspolitiker evangelischen Glaubens zeigen sich gerne wahlkampfwirksam an reformierten Kirchentagen. Schliesslich hat die evangelische Kirche kaum weniger wahlberechtigte Gläubige als die katholische. Dennoch werden diese Politiker kaum dem Vorwurf ausgesetzt, den säkularen Charakter des Staates zu gefährden.

Und so tut die Regierung der – evangelischen – Kanzlerin Merkel, was Oppositionspolitiker auch tun: religiöse Gefühle potenzieller Wähler ausnutzen. Das mag unappetitlich sein, hindert mündige Bürger aber nicht daran, selber zu denken. Walter Brehm

walter.brehm@tagblatt.ch

Aktuelle Nachrichten