Kritik an privilegiertem Partner

Im Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei gibt es immer wieder Reibereien. Es geht um die EU-Mitgliedschaft der Türkei und um Integrationsdebatten.

Fritz Dinkelmann
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BERLIN. Deutschland erinnert mit verschiedenen Anlässen an das «Anwerberabkommen von 1961», das vor 50 Jahren sozusagen der Startschuss war für Millionen Türken, nach Deutschland auszuwandern. In diesem Rahmen hat am Mittwoch auch der türkische Ministerpräsident Erdogan Berlin besucht. Es kamen dabei auch die zwei Reizthemen Integration und EU-Mitgliedschaft der Türkei zur Sprache.

Eine neue Sprachdebatte

Aussenminister Westerwelle (FDP) hat in einem Statement vor Vertretern der deutschen Industrie Klartext gesprochen: «Wir müssen der Türkei die Tür nach Europa ganz weit öffnen, statt immer neue Hindernisse zu errichten, bis eines Tages die Türkei sich von uns abwendet.» Tatsächlich braucht sich das Land nicht mehr in der Rolle des devoten Bittstellers zu sehen – bei einem Wirtschaftswachstum von zehn Prozent und einer Verdreifachung des Pro-Kopf-Einkommens seit 2002. Auch strategisch hat die Türkei vor dem Hintergrund der Griechenland-Krise noch mehr an Gewicht gewonnen.

Insofern erstaunte es, dass ein «Bild»-Interview von Erdogan genügte, um in Berlin Unmut zu erregen: «Wenn ein Kind eine neue Sprache erlernen will, muss es die eigene Sprache gut können», sagte er und folgerte (mit Verweis auf die Sprachwissenschaften), dass junge Türken zuerst Türkisch lernen sollten. Gleichzeitig aber forderte er diese dazu auf, Deutsch zu lernen und die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben.

Bei seinem Treffen mit Merkel sagte die Kanzlerin zwar, Voraussetzung für «gelungene Integration» sei es, die deutsche Sprache zu beherrschen. Doch «zuerst Türkisch», das akzeptierte man in Berlin nicht. Erdogans Äusserungen seien «kontraproduktiv für die Integration der türkischstämmigen Migranten in Deutschland», meinte etwa Maria Böhmer, die Migrationsbeauftragte der schwarz-gelben Koalition. Und Innenminister Friedrich (CSU) rügte Erdogan ebenfalls.

«Im Stich gelassen»

Diese Sprachdebatte zieht sich nun schon über viele Jahre hin, und die Türkei fühlt sich auf dem Weg in die EU von Deutschland «im Stich gelassen». «Deutschland ist das Land, von dem wir uns an erster Stelle Unterstützung erhoffen», sagte Erdogan. Merkel, die einen EU-Beitritt der Türkei kritisch sieht und auf das Modell «privilegierte Partnerschaft» setzt, hat es als Vorwurf gehört. Angesichts der desolaten Situation mancher EU-Staaten mutet es tatsächlich seltsam an, dass die Kanzlerin gestern neben dem Einfordern von Deutschkenntnissen Bringschulden der Türkei anmahnte – etwa die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Auch der Umgang der Türkei mit der kurdischen PKK wird in Deutschland kritisch gewürdigt.

Erdogan vermerkte in jenem Interview stolz und provozierend, dass es in Deutschland mittlerweile 72 000 türkische Arbeitgeber gebe, die 350 000 Arbeitsplätze geschaffen hätten: «Der Gastarbeiter von gestern wird langsam auch Arbeitgeber.»

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