KRISE: Kalter Krieg am Persischen Golf

Eine von Saudi-Arabien geführte arabische Koalition bricht die Beziehungen zu Katar ab. Das Emirat soll den iranischen Nachbarn als «islamische Macht» bezeichnet haben.

Michael Wrase, Limassol
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Saudi-Arabiens König Salman bin Abdulaziz (Mitte links) und Scheich Tamin bin Hamad al-Thani (Mitte rechts), das Staatsoberhaupt Katars. (Bild: Bangar Algaloud/Getty (Doha, 5. 12. 2016))

Saudi-Arabiens König Salman bin Abdulaziz (Mitte links) und Scheich Tamin bin Hamad al-Thani (Mitte rechts), das Staatsoberhaupt Katars. (Bild: Bangar Algaloud/Getty (Doha, 5. 12. 2016))

Michael Wrase, Limassol

Nüchtern betrachtet sagte Scheich Tamin bin Hamad al-Thani eigentlich nichts Falsches. Nach dem zu Ehren von Donald Trump in Riad abgehaltenen arabisch-islamischen Gipfel soll es der Emir von Katar gewagt haben, die in der saudischen Hauptstadt lautstark verurteilte islamische Republik Iran als «eine islamische Macht» zu bezeichnen, welche man nicht isolieren, sondern in die regionalen Sicherheitsstrukturen «einbinden» müsse.

Damit nicht genug. Nach dem Sieg von Hassan Rohani bei den iranischen Präsidentenwahlen griff der Herrscher des reichsten Landes der Welt zum Telefon und übermittelte persönlich seine Glückwünsche nach Teheran.

Mass des Erträglichen überschritten

Für Saudi-Arabien war damit das Mass des Erträglichen nicht nur erreicht, sondern endgültig überschritten. Schon seit Jahren hatten die Katarer mit ihrem eigenwilligen aussenpolitischen Kurs im Nahen und Mittleren Osten die von Riad mit grossem Aufwand konstruierte «arabische Einheitsfront» geschwächt. Die massive Begleitung des «Arabischen Frühlings» durch den katarischen Staatssender Al Jazeera sowie die temporäre Unterstützung des ägyptischen Ex-Präsidenten Mohammed Mursi hatten die Saudis ihren katarischen Nachbarn noch verziehen.

Flugverkehr eingestellt

Für den vermeintlichen Schulterschluss mit dem so verhassten Iran sollen die Katarer nun teuer bezahlen. Es war der vom deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) als «impulsiv und arrogant» beschriebene saudische Verteidigungsminister und Königssohn Mohammed bin Salman, der das Strafmass festlegte: Abbruch der diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen, die Höchststrafe für den vermeintlichen Verrat an einem arabischen Brudervolk. Der Schiffs- und Flugverkehr wird mit sofortiger Wirkung eingestellt, was für die expandierende Fluggesellschaft Qatar Airways einen Rückschlag, aber keinesfalls den Bank­rott bedeutet. Zudem müssen katarische Staatsbürger innerhalb von zwei Wochen jene Staaten verlassen, die sich den scharfen Boykottmassnahmen der Saudis anschliessen.

Das sind neben den Vereinigten Arabischen Emiraten sowie Bahrain und Ägypten die in Riad ­ansässige jemenitische Exil­regierung, die libysche Militärregierung in Tobruk sowie die von Saudi-Arabien finanziell abhängigen Malediven. Die Strafen seien gerechtfertigt und überfällig, verkündete das bahrainische Königshaus solidarisch, weil Katar «die Sicherheit in der Region ­gefährde und sich in die Angelegenheiten anderer Staaten» ein­mische.

Für die Regierung in der katarischen Hauptstadt Doha sind die drakonischen Strafen «völlig unberechtigt», weil sie «auf einem gewaltigen Missverständnis» beruhen. Die iranfreundlichen Äusserungen des Scheichs hätten von der nationalen Nachrichtenagentur nur deshalb verbreitet werden können, weil diese «von einer feindlichen Macht gehackt worden sei». Man sei das Opfer von Fake-News geworden, lamentierte das Herrscherhaus in Doha in einer teuer bezahlten Gegendarstellung, welche von der britischen Zeitung «Guardian» gedruckt und von den Saudis mit Hohngelächter quittiert wurde.

Geraten noch andere Staaten ins Visier?

«Auch neue Lügen» könnten den als «schäbig und hinterhältig» verunglimpften Katarern jetzt nicht mehr helfen. Das Land werde seiner «gerechten Strafe» nicht entgehen, frohlocken die rachsüchtigen Prinzen in Riad. Doch treffen die Strafmassnahmen Katar tatsächlich so hart, wie es die Saudis gerne hätten? ­ In einer Hintergrundanalyse erinnert das Beiruter Newsportal «Al Monitor» daran, dass Katar längst nicht der einzige Staat auf der Arabischen Halbinsel sei, der die aggressive saudische Abschottungsstrategie gegenüber dem Iran ablehne. Auch Oman pflege freundschaftlich-normale Beziehungen mit Teheran, schreibt das Portal. Gleiches gilt auch für Kuwait, das Rohani ebenfalls zum Wahlsieg gratuliert hatte. Selbst die Vereinigten Arabischen Emirate ziehen bei näherem Hinsehen nicht an einem Strang, wenn es um den Iran geht. Während die Scheichs in Abu Dhabi die Positionen Riads stützen, stehen in Dubai die florierenden Handelsbeziehungen mit dem Iran an allererster Stelle.

Die Risse in der «antiiranischen Front» Saudi-Arabiens, urteilt «Al Monitor», seien bereits vor dem Abbruch der Beziehungen zu Katar «offensichtlich» gewesen. Sie könnten auch durch «Schwertertänze in Riad» nicht gekittet werden, frohlockte Hamid Aboutalebi, der stellvertretende Stabsstaatschef im Präsidialamt von Teheran.