KRIEGSVERBRECHERTRIBUNAL: Angeklagter trinkt Gift

Der Ex-Militärchef der bosnischen Kroaten hat sich im Gerichtssaal offenbar selbst getötet.

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Vor dem Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag hat gestern der Angeklagte Slobodan Praljak Gift getrunken, als die Richter die 20-jährige Haftstrafe gegen ihn bestätigten. Praljak starb später im Spital.

Kroatiens Regierungschef Andrej Plenkovic bestätigte den Tod von Praljak und kritisierte den Schuldspruch scharf. Er sprach der Familie Praljaks sein Mitgefühl aus und kündigte mögliche rechtliche Schritte seines Landes gegen Teile des Urteils an. Das UNO-Kriegsverbrechertribunal hatte zuvor die im Mai 2013 verhängte Haftstrafe von 20 Jahren gegen den bosnischen Kroaten bestätigt. Praljak hatte nach seiner Verurteilung gerufen: «Slobodan Praljak ist kein Kriegsverbrecher. Ich weise Ihr Urteil zurück.» Dann hatte er im Gerichtssaal aus einer kleinen Flasche oder einem Glas getrunken, in dem sich nach seinen Worten Gift befand. Richter und Anwälte reagierten bestürzt.

Letztes Urteil des UNO-Tribunals

Was der Mann genau eingenommen hatte und wie die Flüssigkeit in den Gerichtssaal kommen konnte, war zunächst unklar. Richter Carmel Agius sagte, die niederländischen Behörden hätten Ermittlungen zu dem Vorfall aufgenommen. Während des Bosnienkrieges (1992–1995) war Praljak Militärchef der bosnischen Kroaten. Er war unter anderem angeklagt, 1993 die Zerstörung der Brücke von Mostar angeordnet zu haben.

Das Urteil von gestern war das letzte des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, der nach 24 Jahren zum Jahresende seine Arbeit abschliesst. Das UNO-Tribunal in Den Haag war das erste internationale Gericht für Urteile wegen Kriegsverbrechen in Europa nach 1945.

Heute steht niemand mehr auf der Fahndungsliste des UNO-Gerichts. Zu den 84 Verurteilten gehören die militärisch und politisch Verantwortlichen schlimmster Verbrechen. (sda)