KRIEGSVERBRECHEN: Zum Schluss zog er eine Show ab

Lebenslängliche Haft für Ratko Mladic: Das Urteil des UNO-Kriegsverbrechertribunals war erwartet worden. Doch ohne Verhöhnung des Gerichts wollte sich der frühere General nicht verabschieden.

Rudolf Gruber, Wien
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Ex-General Ratko Mladic erscheint vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal. (Bild: Michel Porro/Getty (Den Haag, 22. November 2017))

Ex-General Ratko Mladic erscheint vor dem UNO-Kriegsverbrechertribunal. (Bild: Michel Porro/Getty (Den Haag, 22. November 2017))

Rudolf Gruber, Wien

Lange war unklar, ob Mladic der Urteilsverkündung beiwohnen werde. Seine Anwälte machten gesundheitliche und mentale Probleme geltend. Aber ein serbischer General, der er einmal war, drückt sich nicht vor heiklen Situationen: Einer seiner Anwälte sagte gestern vor Journalisten, er habe auf sein Erscheinen sogar bestanden.

Eine Zeit lang verfolgte der frühere General der bosnisch-serbischen Armee lässig in seinem Stuhl lümmelnd und scheinbar unterinteressiert den Ausführungen des vorsitzenden Richters Alphons Orie über die Kriegsgräuel, die er und seine Soldateska im Bosnienkrieg von 1992 bis 1995 verübt haben. Doch Mladics wechselnde Mienen und Gesten verrieten eine gewisse Nervosität: Mal blickte er finster drein, mal grinste er verächtlich oder strich sich mit dem Zeigefinger über die Nasenspitze und das Kinn. Dass ein Choleriker wie er dies nicht stundenlang würde durchhalten können, war abzusehen.

Zehn Millionen Seiten Prozessunterlagen

Plötzlich sprang Mladic auf, begann zu toben und schrie dem Richter entgegen: «Sie lügen!» Orie ermahnte ihn mehrfach und geduldig, sich zu mässigen, musste sich dann doch entschliessen, den Angeklagten von Gerichtswächtern abführen zu lassen. Mladic war wieder in seiner Zelle, als das Urteil verkündet wurde – lebenslange Haft.

Damit folgte das Gericht, das den Fall Mladic in 530 Verhandlungstagen mit 377 Zeugen und zehn Millionen Seiten Prozessunterlagen aufgerollt hat, weitgehend dem Antrag der Anklage und sprach ihn in zehn von elf Anklagepunkten für schuldig – unter anderem des Völkermords, der Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Mladic will berufen. Die Verteidigung hatte Freispruch gefordert. Dragan Ivetic, einer seiner Anwälte, beantragte zu Beginn, auf die Urteilsbegründung zu verzichten, sein Mandat leide unter hohem Blutdruck, ihm drohe in Stresssituationen Lebensgefahr.

Richter Orie blieb unbeeindruckt, die Absicht dahinter lag auf der Hand: Die Details der Kriegsverbrechen, die zu den schwersten in Europa seit den Nazis zählen, sollen nicht noch einmal vor der Weltöffentlichkeit ausgebreitet werden. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass Mladic in führender Position einer «kriminellen Vereinigung» vorstand, deren es Ziel es war, alle nicht serbischen Volksgruppen gewaltsam zu vertreiben oder zu töten, um einen ethnisch reinen Staat zu schaffen.

Wie schon Radovan Karadzic, der politische Anführer der bosnischen Serben, der im März 2016 in erster Instanz zu 40 Jahren Gefängnis verurteilt worden war, wurde auch dessen Militärchef Mladic des Völkermords für schuldig befunden. Es geht dabei um das grösste Verbrechen im Bosnienkrieg, das Massaker von Srebrenica im Juli 1995, bei dem Mladics Soldateska nach der Eroberung der ostbosnischen UNO-Schutzzone 8000 bosnische Muslime, vom Knaben bis zum Greis, abschlachten liess. Das Anlegen von Massengräbern, die Zerstückelung der Leichen sowie das mehrfache Umbetten der Überreste in kleinere Gräber beweise die Absicht, so Richter Orie, «das Verbrechen zu verbergen».

«Abscheulichste Verbrechen, die bekannt sind»

Lediglich in sechs weiteren Gemeinden habe Völkermord nicht nachgewiesen werden können, doch dass auch dort Verbrechen geschehen sind, darüber liess das Gericht keine Zweifel. Ausdrücklich erwähnte der Richter die dreieinhalbjährige Belagerung Sarajevos. Mehr als 10000 Menschen wurden allein in der bosnischen Hauptstadt getötet. Karadzic habe zu all den Gräueltaten die Befehle erteilt, Mladic habe diese ausgeführt, so der Richter und sprach von «den abscheulichsten Verbrechen, die der Menschheit bekannt sind».