Fragen und Antworten
Kommt jetzt eine dritte Intifada? Und wie reagiert die Welt auf die Eskalation im Nahen Osten?

Rund 1000 Raketen hat die radikalislamistische Organisation auf Israel abgefeuert. Israel hat heftig reagiert. War das erst der Anfang?

Samuel Schumacher
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Rauchsäulen über Gaza-Stadt: Israel reagierte mit Luftangriffen auf die Raketen aus Gaza.

Rauchsäulen über Gaza-Stadt: Israel reagierte mit Luftangriffen auf die Raketen aus Gaza.

EPA/Keystone

Auch am Donnerstag heulten in Tel Aviv wieder die Sirenen, die die Bevölkerung vor Raketenangriffen warnen. Diesmal am helllichten Tag. Inzwischen sind es mehr als 1600 Geschosse, die die radikalislamische Hamas seit Anfang der Woche aus dem Gazastreifen auf Israel abfeuerte. Laut Angaben der Armee kamen dabei in Israel bislang sieben Menschen ums Leben. Bei Vergeltungsschlägen des israelischen Militärs starben im Gazastreifen laut dem dortigen Gesundheitsministerium mehr als 80 Menschen. Ein Ende der Gewalt ist nicht in Sicht.

Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern ist seit der Gründung des Staates Israel 1948 immer wieder aufgeflammt. So heftig wie in den vergangenen zwei Tagen war die Eskalation zwischen Arabern und Juden im Heiligen Land aber seit Jahren nicht mehr. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was ist genau passiert?

Bei Zusammenstössen zwischen israelischen Polizeikräften und palästinensischen Demonstranten gab es rund um den Tempelberg in Jerusalem am Montag mehrere hundert Verletzte. Die radikalislamische Palästinenserorganisation Hamas setzt Israel daraufhin ein Ultimatum: Wenn bis am Montagabend um 18 Uhr nicht alle Festgenommenen freigelassen würden und sich die Polizei aus dem von Israel besetzten Ost-Jerusalem zurückziehe, greife man an.

Israel liess das Ultimatum verstreichen, die Hamas startet Raketenangriffe auf Jerusalem und mehrere Städte im Süden des Landes. Israel reagierte mit Angriffen auf Ziele im palästinensischen Gazastreifen. In der Nacht auf Mittwoch feuerte die Hamas mehrere hundert Raketen Richtung Tel Aviv ab. In Israel kam mindestens fünf, in Gaza mindestens 26 Menschen (darunter mehrere Kinder) ums Leben.

Zerstörung auf beiden Seiten: In Gaza sind mehrere Häuser eingestürzt, mindestens 26 Menschen kamen ums Leben.

Zerstörung auf beiden Seiten: In Gaza sind mehrere Häuser eingestürzt, mindestens 26 Menschen kamen ums Leben.

EPA

Wie kam es zur Eskalation?

Mehrere Faktoren haben zur Eskalation beigetragen.

  • Die israelische Polizei liess mitten im muslimischen Fastenmonat Ramadan die Treppenstufen vor dem Damaskus-Tor in Jerusalems Altstadt sperren. Der Ort ist ein beliebter Treffpunkt für Muslime während der Fastenzeit. Die Abriegelung hat viele verärgert.
  • Etwa 75 palästinensischen Familien im von Israel besetzten Stadtteil Ost-Jerusalem droht die Zwangsräumung ihrer Häuser, weil die entsprechende Landzone von jüdischen Siedlern beansprucht wird. Ein israelisches Gericht hätte am Montag über den Fall entscheiden sollen. Die Urteilsverkündung wurde wegen der angespannten Lage aber um 30 Tage verschoben.
  • Am 22. Mai hätten die Palästinenser erstmals seit 15 Jahren wieder über ihre Führung abstimmen sollen. Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas liess die Wahlen jedoch abblasen, mit der Begründung, dass Israel freie Wahlen im palästinensischen Ost-Jerusalem verhindern würde. Viele Palästinenser fühlen sich von ihrer Führung hintergangen und haben die Hoffnung verloren, dass sich ihre Situation rasch verbessert.

Wem nützt die Eskalation?

Niemandem wirklich. Kritiker des amtierenden israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu argumentieren allerdings, dass der konservative 71-Jährige von der aussenpolitischen Eskalation profitieren wolle. Netanjahu hatte es in den vergangenen zwei Jahren nicht geschafft, eine stabile Regierungsmehrheit hinter sich zu scharen.

Die aktuell laufenden Koalitionsverhandlungen könnten das baldige Ende seiner Rekordamtszeit einläuten. Mit seinem martialischen Auftritt inmitten der Krise (Netanjahu sagt: «Wir sind mitten im Krieg.») könnte er versuchen, die ultrakonservativen Kreise Israels hinter sich zu scharen und die für eine Koalition seiner Gegner nötige Zusammenarbeit mit arabischen Parteien zu verhindern.

Wer sind die Verlierer des Konflikts?

Letztlich alle. Die rund zwei Millionen Palästinenser im Gazastreifen leiden unter den harschen Bedingungen in ihrer hermetisch abgeriegelten Heimat. Die dominante Hamas gefährdet die Zivilbevölkerung in Gaza mit ihren geheimen Raketenwerkstätten inmitten dichtbesiedelter Gebiete.

Und Israel, das sich dank seiner weltrekordverdächtigen Impfkampagne auf eine baldige Wiederöffnung für Touristen eingestellt hatte, steht international wieder im Ruf, ein gefährlicher Ort zu sein.

Woher hat Hamas überhaupt die Raketen, die sie Richtung Israel abfeuern?

Eine der Raketen aus Gaza hat einen Bus in Holon im Süden von Tel Aviv getroffen.

Eine der Raketen aus Gaza hat einen Bus in Holon im Süden von Tel Aviv getroffen.

EPA

Die radikalislamische Hamas, die den palästinensischen Gazastreifen regiert, hat ein breites Arsenal von Waffen und Raketen. Die M-75-Raketen, die sie für Angriffe auf Israel nützen, bauen die Hamas-Kämpfer in geheimen Werkstätten selber. Die Baupläne dafür stammen aus dem Iran, der die Hamas offiziell unterstützt.

Laut der Hamas werden dazu auch Teile und Überreste von israelischen Raketen verwendet, die Israel auf Gaza abgefeuert hat. Die Hamas behauptet, immer wieder auch Waffen durch Tunnels aus dem benachbarten Ägypten in den Gazastreifen zu schmuggeln. Zudem werden immer wieder in Fässern versteckte Waffenteile an die Strände von Gaza gespült, die von meist iranischen Schiffen vor der Küste ins Meer geworfen werden.

Wie funktioniert das israelische Raketenabwehrsystem «Iron Dome»?

Das von Israel entwickelte Mobile Verteidigungssystem «Eiserne Kuppel» ist in der Lage, anfliegende Raketen zu erkennen und mit Abwehrraketen bereits in der Luft zu zerstören, bevor die feindlichen Raketen ihr Ziel treffen. Wie es aussieht, wenn «Iron Dome» zum Einsatz kommt, zeigt ein am Dienstag auf Twitter veröffentlichtes Video.

Das System ist seit 2010 im Einsatz. Die Abwehrraketen werden von mehreren im Land verteilten mobilen Stationen losgeschickt. Eine einzige Abwehrrakete kostet bis zu 50'000 Dollar.

Kommt jetzt eine dritte Intifada?

Die Angst vor einem dritten bewaffneten Aufstand der Palästinenser nach 1987 und 2000 ist gross. Nahostexperte Hans-Lukas Kieser sagte gegenüber der Plattform watson.ch:

«Eine dritte Intifada ist nicht auszuschliessen. Aber es gibt auch Gegenbewegungen, die Hoffnung machen. So hat sich Israel mit den meisten Golfstaaten ausgesöhnt.»

Ein Palästinenser aus dem Westjordanland, der bei den ersten beiden Intifadas mitwirkte, sagt gegenüber unserer Redaktion, dass er eine dritte Intifada für unmöglich halte.

«Die Palästinenser wissen um die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens. Israel ist uns militärisch überlegen. Sobald das Fasten und der Ramadan vorbei sind, wird sich die Situation entspannen.»

Wie haben die USA – Israels mächtigster Verbündeter – reagiert?

US-Präsident Joe Biden wurde auf dem falschen Fuss erwischt. Pandemie, Klima, Jobs und Russland standen in den ersten Monaten seiner Amtszeit oben auf der Agenda, nicht aber der Nahostkonflikt. Biden liess die Angriffe der Hamas zwar via seine Sprecherin scharf verurteilen, im Grunde wollte er sich jedoch heraushalten. Deshalb gerät er immer stärker unter Druck, nicht zuletzt von seinem Amtsvorgänger. Ex-Präsident Donald Trump, unter dessen Führung Israel eine Reihe von Friedensabkommen mit arabischen Staaten unterzeichnet hatte, kritisierte Biden auf seinem Blog scharf:

«Unter Biden wird die Welt gewalttätiger und instabiler. Bidens fehlende Unterstützung für Israel führt zu neuen Angriffen auf unsere Verbündeten. Unglaublich!»

Inzwischen hat Biden reagiert und erklärt, Israel habe «das Recht, sich zu verteidigen», und einen Unterhändler in die Region geschickt.

Ein Mann steht vor seinem ausgebrannten Wagen in der israelischen Stadt Lod.

Ein Mann steht vor seinem ausgebrannten Wagen in der israelischen Stadt Lod.

AP

Was macht die Schweiz?

Das Schweizer Aussendepartement EDA hat bereits am Sonntag mit einer Mitteilung auf die drohende Eskalation im Nahen Osten reagiert. Man sei «sehr besorgt» über die Eskalation der Gewalt und fordere alle Parteien dazu auf, die Situation zu entschärfen, schreibt das EDA. Die Schweiz setze sich weiterhin für eine von beiden Seiten anerkannte Zweistaatenlösung ein. Und: «Die Schweiz steht den Parteien weiterhin zur Verfügung, um die Wiederaufnahme eines Dialogs zu erleichtern.»

Welche Reaktionen kommen aus Europa?

In immer mehr europäischen Städten kommt es zu propalästinensischen Demonstrationen. Dabei werden teilweise antisemitische Parolen gebrüllt und Judenhass offen zur Schau gestellt. In den deutschen Städten Gelsenkirchen und Hamburg kam es zu derartigen Zwischenfällen, genau wie in Österreichs Hauptstadt Wien. Für das kommende Wochenende sind weitere Demonstrationen angekündigt.

12.05.2021, Hamburg: Im Stadtteil St-Georg versammelten sich etwa 200 Menschen zu einer Demonstration zur Unterstützung eines freien Palästinas.

12.05.2021, Hamburg: Im Stadtteil St-Georg versammelten sich etwa 200 Menschen zu einer Demonstration zur Unterstützung eines freien Palästinas.

DPA TNN / Keystone