Krieg als Erinnerung und Fiktion

70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sind fast alle Zeitzeugen verstummt. Der mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnete Roman «Alles Licht, das wir nicht sehen» des Amerikaners Anthony Doerr versucht, Abhilfe zu schaffen.

Bernadette Conrad
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Während die blinde junge Französin Marie-Laure mit ihrem Vater ins bretonische, bald von den Deutschen besetzte Saint-Malo flieht, erlebt der deutsche Waisenjunge Werner den Krieg auf einer Eliteschule der Nazis. Zugang zu ihr hatte er erhalten, weil er ein begnadeter Bastler ist – und seine Leidenschaft für Radios zu technischer Meisterschaft gebracht hat.

«Alles Licht, das wir nicht sehen» rückte 2014 fast sofort auf die Bestseller-Listen und war für den National Book Award nominiert. Das Buch des 41jährigen Amerikaners Anthony Doerr ist eine – in den überaus sorgfältig recherchierten historischen Hintergrund gesetzte – Fiktion.

Doerr hatte erwartet, dass sein Buch eine kleine Leserschaft erreichen würde. Denn er entfaltet neben der Hauptgeschichte viele Nebenschauplätze, breitet Expertenwissen aus über Radioschaltkreise, mathematische Formeln, Mollusken und vieles mehr. Doch der Roman wurde ein Riesenerfolg und vor zwei Wochen mit dem renommierten Pulitzerpreis ausgezeichnet.

Unterschlupf in der Bretagne

Oft hat der Vater die blinde Marie-Laure mit ins Museum für Naturgeschichte genommen, wo er arbeitet. Als die beiden fliehen, weiss das Mädchen nicht, dass der Vater einen Diamanten aus dem Museum bei sich trägt, der sie in Gefahr bringen könnte. Dann aber kommen sie in Saint-Malo an der bretonischen Küste an und finden Unterschlupf im Haus des Grossonkels.

Parallel wird Werners Geschichte erzählt: Als kleiner Junge hatte er im Waisenhaus ein kaputtes Radio gefunden, das für ihn und seine Schwester Jutta zum Schlüssel in eine andere Welt wird. Seither hat er sich völlig der Erforschung der elektrischen Innenwelten verschrieben – und muss nun in der Nazi-Talentschmiede erleben, wie zwar seine Begabung gebraucht wird, aber er selbst mehr und mehr verroht. Beide Geschichten laufen von 1940 an parallel auf den August 1944 zu, wo sich beide in Saint-Malo begegnen.

Staunen über Zusammenhänge

Vielleicht webt Anthony Doerr in seinen sorgfältig von Werner Löcher-Lawrence übersetzten Kriegsroman noch so viel anderes Wissen ein, um dem Bösen das Gute entgegensetzen? In einem Interview hat er über jenen «sense of wonder» gesprochen, sein eigenes Staunen über das Wunder der Zusammenhänge: ob es nun um Radiowellen oder um die Orientierungsfähigkeit eines blinden Menschen gehe.

In «Alles Licht, das wir nicht sehen» hat er einen hochkomplexen literarischen Zusammenhang geschaffen, der sich spannend liest – und doch manchmal ein bisschen zu schön ist. Seine Themen zu perfekt rundet, als dürfe keine Frage schmerzhaft offenbleiben.

Am Schluss sind wir im Heute angelangt. Marie-Laure ist eine alte Frau. Sie geht mit ihrem Enkel spazieren, der auf seinem Computer spielt, und denkt über die unsichtbaren und geheimnisvollen Kanäle nach, über die Menschen Informationen schicken – am Anfang ihres Lebens war es das Radio, jetzt am Ende iPads und Mobiltelefone.

Anthony Doerr: «Alles Licht, das wir nicht sehen», C.H. Beck, 517 S., Fr. 28.90

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