Apartheid

Korruption, Rassismus, Vetternwirtschaft: Südafrika droht ein Rückfall in schlimme Zeiten

Vor 25 Jahren läutete Südafrika das Ende des Apartheid-Systems ein. Jetzt mehren sich die "Anzeichen eines gescheiterten Staats", wie ein ehemals ranghoher Politiker sagt.

Markus Schönherr, Kapstadt
Drucken
Teilen
Proteste in Johannesburg im März 2017: Ungenügende und fehlende Wohnmöglichkeiten waren hier die Ursache.

Proteste in Johannesburg im März 2017: Ungenügende und fehlende Wohnmöglichkeiten waren hier die Ursache.

EPA

Am 17. März 1992 schrieb die Wahlbevölkerung Südafrikas Geschichte. Mit der Annahme des zur Debatte stehenden Referendums leitete sie die Abschaffung der Apartheid ein und beendete das System der Rassentrennung im Land.

«Wir hätten diese Abstimmung viel früher abhalten sollen», sagt der Kapstädter Deren Carols. Stolz präsentiert er den Abriss, den Wähler nach der Stimmabgabe vor 25 Jahren erhielten. Wie viele Südafrikaner kämpfte Carols damals als Soldat gegen Freiheitsbewegungen in Namibia und Mosambik. «Wir brauchten den Wandel dringend. Andernfalls wären wir unserer Zeit heute 20 Jahre hinterher.»

Kurze Rückblende: Die Sorge weisser Südafrikaner war Anfang der Neunzigerjahre gross. Sie fürchteten, Staatspräsident Frederik Willem de Klerk könnte die Nation an Nelson Mandelas politische Bewegung, den Afrikanischen Nationalkongress (ANC), ausliefern. Viele fragten sich, ob Weisse eine Zukunft in einem Staat mit Nelson Mandela an der Spitze hätten. Seit 1989 hatte de Klerk mit dem ANC über das Ende der Rassengesetze verhandelt. Was noch fehlte: die Zustimmung der stimmberechtigten weissen Bevölkerung. De Klerk setzte für den 17. März eine Abstimmung über ein entsprechendes Referendum fest.

Schon in den Morgenstunden waren die Reihen vor den Wahllokalen mehrere hundert Meter lang. Die weisse Wählerschaft war so polarisiert wie selten zuvor. Holländer, Briten, Hugenotten – ihre Nachkommen trafen an diesem Tag zusammen, um die Frage zu beantworten: «Unterstützen Sie den begonnenen Reformprozess mit dem Ziel einer neuen Verfassung durch Verhandlungen?»

«Heute scheint die Antwort auf diese Frage klar. 1992 war das nicht so», sagt Polit-Kommentator Brad Cibane. «Weisse, die vor 1994 zur Welt kamen, wuchsen in einer Kultur auf, die sie lehrte, Schwarze zu hassen und zu fürchten.» Auf dem Spiel stand die Zukunft einer ganzen Nation. Japan und die USA hatten mit Sanktionen gedroht, sollte Südafrika das Referendum ablehnen. In den Tagen vor dem Referendum setzte ANC-Präsident Mandela alles daran, den Weissen die Angst vor einer schwarzen Regierung zu nehmen. Konzerne wie BP oder Anglo-American investierten Millionen in «Ja»-Kampagnen. Sie fürchteten weitere Sanktionen.

Gescheitertes Südafrika?

Am Abend war klar: Das «Ja»-Lager hat mit 68 Prozent klar gewonnen. «Es kommt nicht oft vor, dass eine Nation in nur einer Generation über sich selbst hinauswächst. Heute haben wir das Kapitel Apartheid abgeschlossen», sagte de Klerk in einer Ansprache. Der Rest ist Geschichte: Für ihren Einsatz erhielten Mandela und de Klerk den Friedensnobelpreis. Zwei Jahre nach dem Referendum wurde Mandela der erste demokratisch gewählte Präsident Südafrikas.

Bis heute aber fällt Südafrika die Aufarbeitung seiner Apartheid-Geschichte schwer. Der ANC habe Häuser für Arme gebaut, rassistische Gesetze abgeschafft und Millionen Südafrikanern Wasser und Strom geliefert, lobt Alex Boraine. Er leitete unter Erzbischof Desmond Tutu Südafrikas Wahrheits- und Versöhnungskommission. 25 Jahre später sieht er jedoch «Anzeichen eines gescheiterten Staats». Parlament und Gerichte würden von der Regierung untergraben. Die Polizei verstricke sich zunehmend in Korruption. Zudem herrsche Vetternwirtschaft. Erneut polarisierten rassistische Vorfälle in den letzten Monaten die Nation. «Mandela hat erkannt, dass er die Leute zusammenbringen muss, damit das Land nicht auseinanderfällt. Das haben Politiker heute vergessen.»