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KOREA-KRISE: Zwischen Angst und Gelassenheit

Die Südkoreaner gehen mit der aktuellen Bedrohung erstaunlich gelassen und ein wenig fatalistisch um. Manche aber sehen die Gefahr, zwischen China und USA zerdrückt zu werden.
Angela Köhler, Seoul
Die Ruhe vor dem Sturm? Ein Markt in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. (Bild: Jeon Heon Kyun/EPA (12. August 2017))

Die Ruhe vor dem Sturm? Ein Markt in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul. (Bild: Jeon Heon Kyun/EPA (12. August 2017))

Angela Köhler, Seoul

Nervöse Gelassenheit, zuweilen eine Spur Fatalismus – so lässt sich wohl am besten die Stimmung beschreiben, die den ­Besucher auf dem Flughafen ­Incheon empfängt. Die Busfahrt in das 32 Kilometer entfernte Zentrum Seouls geht flott an diesem Tag. Auch hier alles friedlich, keine Kontrollen, keine Soldaten. Auf Ausländer wirke die wilde Kriegsrhetorik vielleicht verschreckend, erklärt eine Studentin eher ungehalten. Aber als Südkoreaner habe man sich einfach «an das Theater aus dem Norden» gewöhnt.

Im Alltag ist von Krisenstimmung nur wenig zu spüren. «Nein, es gibt keine Panikkäufe von Instantnudeln oder Wasser», sagt die Verkäuferin im Supermarkt des Lotte-Konzerns. Die grossen Ketten wie E Mart und Lotte Mart registrieren ­keine verstärkte Nachfrage nach solchen Krisenprodukten, und sie haben auch nicht die Absicht, ihre Lager zu füllen. Das Säbelrasseln aus Pjöngjang lasse ihn kalt, winkt auch Restaurantbesitzer Lee Chul Je ab. «Nordkorea macht das immer wieder», sagt der 65-Jährige, der die typischen Gerichte mit Kimchi (vergorenes Gemüse, meist Chinakohl) und Grillfleisch verkauft. «Ich bin ­sicher, dass die Dinge wieder in Ordnung kommen.» Sein Lachen klingt allerdings ein wenig zu gekünstelt, um echt zu sein.

Verbissene Gesichter und nervöses Lachen

Aber es gibt auch echte Nonchalance, wie bei Baumanager Chun Ho Pil. Der 30-Jährige gibt sich am aktuellen Geschehen desinteressiert. Es sei nicht sonderlich beunruhigt, versichert er. «Dafür bin ich viel zu beschäftigt mit meinem Job und dem Meistern des täglichen Lebens.» So scheinen viele zu denken, die abends von der Arbeit nach Hause hasten. ­Läden und Warenhäuser sind ­belebt, die meisten Restaurants überfüllt wie immer. Auf den breiten Strassen stauen sich die ­Hyundais und Kias – Alltag eben.

Diese Gelassenheit wirkt jedoch ein wenig wie das sprichwörtliche Pfeifen im Walde. Nicht wenige machen sich ernsthafte Sorgen, dass der Konflikt mit Diktator Kim Jong Un noch lange nicht zu Ende ist, auch wenn er in den vergangenen Tagen ein wenig deeskaliert ist. Wer mit Seouls Einwohnern das heikle Thema unmittelbare Kriegsgefahr anspricht, erntet oft verbissene Gesichter oder nervöses Lachen. «Wir leben doch eigentlich wie der Schinken im Sandwich zwischen den Interessen von Amerika und China. Jeden Tag können wir in diesen Konflikt hineingezogen werden, den von uns niemand wirklich will», meint die Verkäuferin Lee Su Hyun.

«Wir wollen eure Waffen nicht!»

Die Sorge ist nicht ganz unberechtigt. Ob US-Präsident Donald Trump wirklich den Alliierten Südkorea konsultieren würde, bevor er eine nordkoreanische Provokation mit einem Präventivschlag kontert? Staatschef Moon Jae In fordert das immer wieder, fast als ob er selbst nicht daran glauben würde. Und auch auf der Strasse gibt es Angst und Zweifel. «Wir wollen eure Waffen nicht!», schreit der Rentner Kang Dong Wan ins Megafon. Ein paar Dutzend Menschen applaudieren und skandieren: «Haut ab damit!».Der Zorn ist gegen das Raketenabwehrsystem THAAD der US-Streitkräfte gerichtet. Seit Anfang Mai sind diese Militäranlagen, die Südkorea bei einem Raketenangriff aus dem Norden schützen sollen, auf diesem verlassenen Golfplatz der Provinzstadt Seongju stationiert. Die ultramodernen Raketenbatterien gelten bei den gut 50 000 Bewohnern eher als Stein des Anstosses denn als Garant der Sicherheit.

Die meisten hier regen sich so stark auf, dass südkoreanische Zeitungen sich damit täglich beschäftigen und schon von einem regelrechten Aufruhr reden. Landesweit sind die Meinungen zu THAAD gespalten. Nach jüngsten Umfragen ist nur noch eine knappe Mehrheit von 51 Prozent dafür.

Gerüchte machen die Runde, der extreme Radar gefährde ihre Gesundheit. Das hat die Regierung untersuchen lassen und als falsch dementiert. In Wirklichkeit aber fürchten manche, dass die Raketenabwehr sie und ihre Stadt am Ende erst recht zur Zielscheibe eines nordkoreanischen Angriffs werden lässt. Diese konkrete Angst beschreibt ein unterschwelliges Gefühl, das die rund 50 Millionen Südkoreaner seit Jahrzehnten kennen.

Die Hälfte der Bevölkerung lebt innerhalb von 75 Kilometern von der demilitarisierten Zone am 38. Breitengrad entfernt – der beiderseits schwer bewaffneten Grenze zum kommunistischen Norden. Die Hauptstadt Seoul mit ihren zehn Millionen Einwohnern liegt in Artilleriereichweite von schätzungsweise 25 000 nordkoreanischen Geschützen. Und ist damit leicht verletzbares Herz und Hirn des Landes.

Da seit dem Ende des dreijährigen Korea-Krieges 1953 niemals ein regulärer Friedensvertrag geschlossen wurde, befindet sich die seither geteilte Koreanische Halbinsel technisch noch im Kriegszustand. Lehrer wie Lee Hun Ji spüren diese Gefahr aus dem Norden beinahe täglich, wenn auch nur in Gedanken. «Verantwortungs­volle Pädagogen sollten immer daran denken und ihre anvertrauten Kinder auf das Schlimmste vorbereiten.» Vor dem Seouler War Memorial lässt er deshalb in diesen angespannten Tagen seine Viertklässler das Überstülpen von Gasmasken üben.

Die Kleinen sehen das jedoch nicht so verbissen. Sie wissen naturgemäss nicht viel über atomare, chemische oder biologische Waffen. Irgendwie halten sie die angesagte Übung für ein Spiel, so etwa wie in der Theatergruppe in ihrer Schule. Einige kichern beim Absetzen des gelben Schutzumhangs, andere schnappen thea­tralisch nach Luft. Vom Ernst der Lage ist in diesem Moment am War Memorial wenig zu spüren.

Strategiewechsel des Präsidenten

Die Menschen zu beruhigen ist politisch gewollt. Staatschef Moon versicherte am Donnerstag seinem Volk sogar: «Es wird auf der Koreanischen Halbinsel keinen Krieg mehr geben.» Die Hoffnung liegt wohl darin, dass der Konflikt durch verschärfte Sanktionen gegen Nordkorea das dortige Regime veranlassen werde, seine Raketen- und Atomtests einzustellen.

Der erst im Mai gewählte linksliberale Präsident, der mit seinen Eltern vor der kommunistischen Diktatur aus dem Norden floh, versucht in seinen ersten 100 Amtstagen einen politischen Spagat zwischen Krisenbewältigung und seiner pazifistischen Überzeugung. Noch während des Wahlkampfs hatte Moon für seine «neue Vision für Frieden auf der Koreanischen Halbinsel» geworben und wollte sich dafür in Pjöngjang sogar mit dem nordkoreanischen Führer Kim Jong Un treffen, wenn es die Umstände erlauben. Davon ist zunächst offiziell nicht mehr die Rede.

Noch in der vergangenen Woche hatte der erste Mann im Staat eine komplette Wende vollzogen. Nachdem Nordkoreas Aussenminister sein Gesprächsangebot ­offiziell als «unaufrichtig» abgelehnt hat, setzt der Präsident nun wieder auf Abschreckung durch militärische Stärke. «Ich glaube, uns hilft jetzt nur noch eine komplette Verteidigungsreform», sagte er an seinem Amtssitz im Blauen Haus von Seoul. «Anders können wir uns gegen Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm nicht mehr zur Wehr setzen.»

Abflug in Richtung Nordkorea

Der politischen Opposition geht der Strategiewechsel des Staatschefs nicht weit genug. Die Freiheitspartei Koreas rief dazu auf, das US-Militär in Südkorea mit Atomsprengköpfen auszurüsten. «Frieden werden wir nicht erreichen, wenn wir darum betteln, sondern nur durch eine Macht­balance», forderte der Parteichef Hong Joon Pyo.

Generell aber überwiegt in Südkorea die öffentliche Unaufgeregtheit. Dennoch wird einem beim Abflug vom Incheon International Airport doch ein wenig mulmig. Der grösste Flughafen Südkoreas liegt 52 Kilometer westlich von Seoul auf der Insel Yeongjongdo im Gelben Meer. Beim Start steigt die Maschine erst einmal in Richtung Nordkorea in den Himmel.

Auf dem Bildschirm mit den Fluginformationen scheint die dick markierte Grenze nur ein paar Kilometer entfernt zu sein. Aus dem Fenster sieht man in der Ferne viele kleine Inseln, die schon zu der anderen, grösstenteils unbekannten Welt auf der Koreanischen Halbinsel gehören könnten. Das Flugzeug macht dann eine starke Rechtskurve und lässt das Reich von Kim Jong Un schnell und weit hinter sich. Auch wenn sich die Gefahr damit entfernt, beschleicht einen die bange Frage: Geht das alles auch dieses Mal noch einmal gut?

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