KOPF DES TAGES: Mann für heikle Besuche

Antonio Razzi arbeitete fast sein ganzes Leben lang in der Luzerner Industrie. Nun trifft sich der Politiker mit den dubiosen Gestalten der Welt.

Kari Kälin
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Antonio Razzi (69) mit Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi. Sie halten ein Exemplar von Razzis Buch mit dem Titel «Meine sauberen Hände». (Bild: Andreas Solaro/AFP (Rom, 1. Februar 2012))

Antonio Razzi (69) mit Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi. Sie halten ein Exemplar von Razzis Buch mit dem Titel «Meine sauberen Hände». (Bild: Andreas Solaro/AFP (Rom, 1. Februar 2012))

Heute wichtiges Treffen in Damaskus mit dem syrischen Präsidenten: Diese Botschaft, illustriert mit einigen Fotos, hat Antonio Razzi (69) am Montag via Facebook verkündet. Auf Twitter verbreitete der italienische Senator mit Wohnsitz in Emmenbrücke ein Selfie mit Diktator Bashar al-Assad. Die beiden lachen wie ziemlich beste Freunde. Razzi war Teil einer Gruppe von russischen und europäischen Parlamentariern, die den Dialog zwischen den verfeindeten Parteien in Syrien fördern wollen.

Harsche Reaktionen folgten prompt. In den sozialen Medien ergoss sich ein Shitstorm über Razzi. Die italienische Presse geisselte dessen Ausflug ins Hauptquartier der syrischen Diktatur scharf. «Razzi ist eine Witzfigur, die nur noch traurig stimmt», konstatierte der «Corriere della sera». Das Selfie mit Assad, der Hunderttausende Zivilisten auf dem Gewissen habe, sei «obszön».

Razzi, Sekretär der aussenpolitischen Kommission des Senats, verteidigte sich. Er habe viel riskiert, das Aussenministerium und der Präsident des Senats hätten ihm von der Reise abgeraten. «Ich bin nach Syrien gegangen, weil niemand dort hingeht und Syrien nicht zu uns kommt», schrieb er auf Facebook. Er habe zwar auch kein konkretes Resultat erzielt, aber immerhin bewiesen, dass man mit gutem Willen etwas tun könne, von dem einem heftig abgeraten werde. Antonio Razzi hat eine erstaunliche Karriere hingelegt: Mit 17 Jahren zog er als italienischer Gastarbeiter in die Schweiz, um danach mehr als 40 Jahre für die ehemalige Viscosuisse in Emmenbrücke zu arbeiten. Im Jahr 2006 schaffte er den Sprung in die grosse Politik. Als Vertreter der Auslanditaliener wurde er in die Abgeordnetenkammer gewählt. Fortan setzte er sich für den Erhalt von Konsulaten in ganz Europa oder für kostenlosen Italienischunterricht für Secondos im Ausland ein. Das Tessiner Fernsehen porträtierte ihn als «ehrenhaften Arbeiter». Im Dezember 2010 erhielt dieses Bild erste Kratzer. Von der Opposition wechselte Razzi wenige Tage vor einer Vertrauensabstimmung ins Lager von Silvio Berlusconi. Der damalige Premierminister überstand die Abstimmung nur knapp, auch dank Razzis Stimme. Dessen früherer Parteichef, Staatsanwalt Antonio Di Pietro, beschimpfte Razzi als Verräter, der Berlusconis Geld erlegen sei. Razzi wies die Bestechungsvorwürfe vehement von sich.

Politisch geschadet hat Razzi die Affäre zumindest in einer Hinsicht nicht: 2013 wurde er als Vertreter der Region Abruzzen in den Senat gewählt. Razzis Reputation ist aber angeschlagen. Er ist Dauerobjekt von Satirikern, auch wegen seiner aussenpolitischen Aktivitäten. Der «Italosvizzero» hat nämlich ein Flair für Diktatoren. Er schüttelte schon die Hand von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un und sagte, dieser wirke friedfertig, ein bisschen wie ein Berner Bär. Razzi hat US-Präsident Donald Trump in einem Brief um ein Treffen gebeten. Er bietet sich als Vermittler zwischen Washing­ton und Pjöngjang an. Und nun also das Selfie mit Assad. Seine Kritiker fragt Razzi: «Wie soll man denn die Krise lösen, wenn niemand nach Syrien geht?» Der Senator zweifelt nicht an seinen diplomatischen Offensiven, denn er ist überzeugt: «Auch ein einfacher Arbeiter kann einen Beitrag zum Frieden leisten.»