KOMMENTAR
«Hirntod» war gestern – Nato ist angesichts Ukraine-Krieg lebendiger denn je

Die westliche Verteidigungsallianz baut ihre schnelle Eingreiftruppe massiv aus und macht Russland wieder zum Feind Nummer 1. Es ist die Wiederentdeckung ihres Daseinszwecks.

Remo Hess, Brüssel
Remo Hess, Brüssel
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Felsenfester Transatlantiker: US-Präsident Joe Biden. (Archiv)

Felsenfester Transatlantiker: US-Präsident Joe Biden. (Archiv)

Keystone

Die Nachricht hat es in sich: Die Nato will ihre schnelle Eingreiftruppe, eine Art «stehendes Heer», welches im Ernstfall innert Wochen mobilisiert werden kann, von 40’000 Soldaten auf deren 300’000 ausbauen. Das ist eine Erhöhung um mehr als das Siebenfache und klingt erst einmal gewaltig. Die Entscheidung widerspiegelt aber bloss die neue Realität, die Russlands brutaler Überfall auf die Ukraine geschaffen hat.

Wobei: Eigentlich ist die neue Realität bloss die alte, seit den 90er Jahren überholt geglaubte Wirklichkeit des Kalten Krieges. Wieder ist es Russland und seines despotischen Führung, welches die offenen Gesellschaften des Westens mit seiner imperialen Grossmachtpolitik bedroht. Die mächtigste Verteidigungsallianz der Welt reagiert darauf und definiert Moskau frei nach dem Motto «Zurück in die Zukunft» wieder als den Feind Nummer 1. Das ist nur folgerichtig.

Wenn der Krieg in der Ukraine etwas lernen kann, dann dies: Die Nato ist weit davon entfernt, «überflüssig» zu sein, wie vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump behauptet. Sie ist bis heute das Rückgrat der europäischen Sicherheitsarchitektur unter Führung der Amerikaner. Mit der Wiederentdeckung ihres Daseinszweck widerlegt die Nato auch den «Hirntod»-Vorwurf des französischen Präsidenten Emmanuel Macron. Das Gegenteil ist wahr: Die Nato scheint im Moment lebendiger denn je.