KOMMENTAR: Die Entrüstung im Netz ist ein Sturm im Wasserglas

In den sozialen Medien zeigen sich viele Menschen zutiefst schockiert von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten. Das Internet scheint voll von Trump-Gegnern zu sein. Doch deren Entrüstung ist nicht glaubhaft.

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Die Freiheitsstatue greift sich nach dem Wahlsieg Trumps an den Kopf: Ein oft geteiltes Bild in den sozialen Medien. (Bild: Screenshot Twitter)

Die Freiheitsstatue greift sich nach dem Wahlsieg Trumps an den Kopf: Ein oft geteiltes Bild in den sozialen Medien. (Bild: Screenshot Twitter)

Kaum hat das Resultat festgestanden, überschlugen sich die Reaktionen im Netz. Zentraler Schauplatz der weltweiten Entrüstung sind die Sozialen Medien. Auf Facebook, Twitter und Co. äussern sich entsetzte, enttäuschte, wütende Bürger, die nicht verstehen können, wie das passieren konnte. «Der Beweis, dass mit Geld wirklich alles möglich ist», heisst es an der einen Stelle, «was für ein Rückschritt für die USA» an einer anderen. Unter dem Hashtag #HesNotMyPresident fordert die Twitter-Community die Absetzung Trumps, noch bevor dieser als Staatsoberhaupt überhaupt einen Fuss in das Weisse Haus gesetzt hat. Auf Facebook schreibt jemand: «Diese Wahl beweist die Verdummung der Amerikaner.»

Das Internet ist voll von Trump-Gegnern
So eindeutig das Wahlergebnis ausgefallen ist, so eindeutig wird dieses in den Sozialen Medien abgelehnt. Wer sich nach den US-Wahlen durch das Internet klickt, findet kaum eine Stimme, die sich für Trump ausspricht. Diese zur Schau gestellte Entrüstung der Unzufriedenen ist nicht neu. Sie zeigt sich derzeit beispielhaft bei Trump. Es gab sie aber bereits beim Brexit-Entscheid, bei den für die AfD günstig verlaufenen Landtagswahlen in Deutschland oder bei der vor gut drei Jahren angenommenen Masseneinwanderungsinitiative. Die Frage der Entsetzten ist, unabhängig vom Thema, immer dieselbe: Wie in aller Welt konnte es nur so weit kommen? Dass die Resultate die Ergebnisse demokratischer Wahlen sind, scheint oft vergessen zu gehen.

Ein Tweet ist kein Engagement
Keine Frage: Wer seinem Ärger Luft verschaffen will, soll dies tun können. Social Media tragen positiv zum öffentlichen Meinungsaustausch bei, weil prinzipiell Jede und Jeder an der politischen Diskussion teilnehmen kann. Dennoch sollte man sich fragen, welchen Nutzen diese Form von Online-Protest bringt. Sich mit Memes und Gifs als moralische Instanz aufzuspielen, ist wenig glaubhaft. Ein Facebook-Post ist keine Demonstration und ein Tweet nicht gleichzusetzen mit Zivilcourage. Farbe bekennen geht in der digitalisierten Welt so einfach wie noch nie: bequem vom Sofa aus. Doch das ist kein Engagement. Die Entrüstung im Netz entpuppt sich als Sturm im Wasserglas – und ist dementsprechend wenig nachhaltig.

Dies bedeutet nicht, dass man dem Demagogen Trump nach seinem Wahlsieg den roten Teppich ausrollen soll. Es ist zu befürworten, dass sich viele seinen diskriminierenden Voten widersetzen und stattdessen für Toleranz plädieren. Doch diese Toleranz sollte man als Gegner eines Wahl- oder Abstimmungsresultats auch gegenüber dem Unerwünschten walten lassen. Tolerieren meint ertragen. Es bedeutet, andere Überzeugungen gewähren zu lassen – mögen sie einem noch so falsch vorkommen.

Janique Weder
janique.weder@tagblatt.ch

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