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KOMMENTAR: Das tödliche Gas und die tanzenden Machos

Die Westmächte haben nach dem mutmasslich vom Assad-Regime begangenen Giftgasangriff in Syrien zugeschlagen. "Anstatt gorillahaft einen emotionalen Tanz aufzuführen, sollten sich die Führer der demokratischen Welt um Nüchternheit und Faktentreue bemühen", schreibt Chefredaktor Stefan Schmid in seinem Kommentar.
Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid. (Bild: Benjamin Manser)

Tagblatt-Chefredaktor Stefan Schmid. (Bild: Benjamin Manser)

Im beschaulichen britischen Städtchen Salisbury soll Russland versucht haben, übergelaufene Spione mit dem Nervengift Nowitschok zu töten. Das zumindest behauptet die Regierung in London. Moskau bestreitet, hinter dem Attentat zu stecken. Unabhängige Untersuchungen, welche die Urheberschaft zweifelsfrei benennen können, gibt es keine.

In Duma, an der Peripherie von Damaskus, sind in der Nacht auf letzten Sonntag chemische Waffen gegen die Zivilbevölkerung eingesetzt worden. So viel steht fest. Das ist ein Kriegsverbrechen. Gemäss der Weltgesundheitsorganisation sollen dabei mindestens 43 Personen ums Leben gekommen sein. Hilfsorganisationen sprechen von bis zu 500 Zivilisten, die hospitalisiert werden mussten. Mutmasslich ist dabei Chlorgas eingesetzt worden – ein Verstoss gegen das Völkerrecht. Gesichert ist diese Information nicht. Es gibt noch keine unabhängige Untersuchung zum Giftgaseinsatz. Die Experten sind erst unterwegs an den Tatort.

Wir wissen bloss, dass es zu einem Einsatz chemischer Kampfstoffe gekommen ist. Wer sie aus welchen Motiven verwendet hat, das bleibt offen. Frankreich, Grossbritannien und die USA behaupten, es sei die syrische Regierung von Baschar al-Assad gewesen und schwenkten seither tagelang mit der Kriegsfuchtel, bevor sie in der Nacht auf Samstag nun zugeschlagen haben. Die These, das Assad-Regime sei für die Giftgas-Attacke verantwortlich, hat eine gewisse Plausibilität. Der blutrünstige Herrscher schreckte im seit sieben Jahren andauernden Bürgerkrieg vor keiner Grausamkeit zurück.

Die Russen, die Assads Regime protegieren, sprechen derweil von einer Inszenierung der islamistischen Rebellen, um dem Westen einen Vorwand für ein militärisches Eingreifen zu liefern. Von den Russen wiederum ist bekannt, dass sie die «Information warfare», also die Täuschung des Gegners mittels gezielt gestreuten Falschinformationen, ebenso meisterhaft beherrschen wie das Schachspiel. Ein Beweis freilich, dass sie mit ihrer Rebellenthese komplett danebenliegen, ist das aber noch nicht. In jedem Krieg stirbt die Wahrheit zuerst. Vor allem in Syrien, wo mehrere Grossmächte die Fäden ziehen. Die weitgehende Abwesenheit unabhängiger Beobachter macht es für Aussenstehende praktisch unmöglich, Wahrheit und Dichtung auseinanderzuhalten.

Umso bedenklicher ist es, wenn testosterongesteuerte und geltungssüchtige Spitzenpolitiker aufgrund ungesicherter Fakten militärische Aktionen in Aussicht stellen oder sogar befehlen, welche die Gefahr einer unkontrollierbaren Eskalation heraufbeschwören. Dass autoritäre Regimes wie jene in Moskau, Damaskus oder Teheran zu derlei Methoden greifen, mag weniger erstaunen. Sie sind es sich gewohnt, die öffentliche Meinung ohne schlechtes Gewissen zu manipulieren. Weder die Bevölkerung noch staatliche Institutionen noch die Presse sind in diesen Ländern in der Lage, die Herrschenden wirksam zu kontrollieren.

Anders ist die Situation hingegen in freiheitlichen, demokratischen Staaten. Politisches Handeln – und erst recht militärische Aktionen – setzen eine rationale Analyse und Kenntnisse der Verhältnisse voraus. Der Irak-Krieg von George Bush junior sollte ein Mahnmal sein. Damals täuschte die US-Regierung die Weltöffentlichkeit mit Fake News zum angeblichen Waffenbesitz Saddam Husseins und brach einen Krieg gegen den Irak vom Zaun, dessen katastrophale Auswirkungen bis heute den gesamten Nahen und Mittleren Osten destabilisieren.

Nun scheint sich die Geschichte zu wiederholen - Donald Trump, der so unberechenbare wie unbelehrbare US-Präsident, hat zusammen mit seinen Adlaten in Paris und London zugeschlagen, um im Namen der Gerechtigkeit jene zu bestrafen, die das Giftgas vermeintlich eingesetzt haben. Es geht mitnichten darum, Russen und Syrer in Schutz zu nehmen. Kriegsverbrechen müssen bestraft werden. Doch anstatt gorillahaft einen emotionalen Tanz aufzuführen, sollten sich die Führer der demokratischen Welt um Nüchternheit und Faktentreue bemühen.

Den Menschen in Syrien kann nicht mit Raketen geholfen werden. Sie wollen Frieden. Es wäre die Pflicht von Staatenlenkern, diesen zu ermöglichen. Die deplorablen Führungsfiguren hüben wie drüben geben uns und der notleidenden Bevölkerung Syriens leider kaum Anlass zur Hoffnung.

Stefan Schmid
stefan.schmid@tagblatt.ch

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