Kometenhafte Karriere der Kurzzeit-Politikerin

18 Tage nach ihrer Wahl kündet Diane James an, dass sie den Vorsitz der Anti-EU-Partei Ukip nicht übernehmen wird. Über die Gründe wird heftig spekuliert.

Sebastian Borger
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Zum ersten Mal machte Diane James vor drei Jahren auf sich aufmerksam. Bei einer Nachwahl zum britischen Unterhaus beeindruckte die Managerin im Gesundheitssektor durch ihre Eloquenz und ihr Wissen – zwei Eigenschaften, mit denen sich Kandidaten der EU-feindlichen Unabhängigkeitspartei bis dahin nicht unbedingt ausgezeichnet hatten. Zwar unterlag die fliessend Deutsch und Französisch sprechende Geschäftsfrau knapp den Liberaldemokraten, schaffte aber ein Jahr später den Sprung ins Europaparlament.

Ihren zweiten grossen Auftritt hatte James vor knapp drei Wochen: Mit klarem Vorsprung wählte das Ukip-Parteivolk die 56-Jährige zur Vorsitzenden und damit Nachfolgerin des ebenso umstrittenen wie effektiven EU-Parlamentskollegen Nigel Farage. Der Umarmung des stets stark nach Zigaretten und Alkohol riechenden Vorgängers wich James angewidert aus, was den Fotografen zu den gewünschten Bildern verhalf. Lieber winkte sie heftig, beinahe ein wenig übertrieben ins Publikum.

Im Nachhinein weiss man: Es war nicht der Jubel einer stolzen Siegerin, sondern das verzweifelte Winken einer Ertrinkenden. Genau 18 Tage nach der kuriosen Szene warf James am Dienstag Abend das Handtuch. Aus persönlichen und politischen Gründen könne sie das Amt nicht antreten, liess die Politikerin mitteilen. Später legte James nach: Sie habe sich vom Parteiapparat sowie von der Brüsseler Fraktion nicht ausreichend unterstützt gefühlt. Insider berichteten nicht nur von einer schweren Erkrankung in der Familie, sondern auch von einem Zwischenfall auf einem Londoner Bahnhof. Kurz nach ihrer Wahl sei James angepöbelt und bespuckt worden; begreiflicherweise habe ihr die unangenehme Situation zu schaffen gemacht.

Offenbar kam aber noch etwas hinzu, was den Fall zum Skandal macht. Im Internet kursierte am Mittwoch die unbestätigte Meldung, James habe schon ihre in letzter Minute eingereichten Bewerbungspapiere mit dem Zusatz «V. C.» versehen. Die Abkürzung steht für das lateinische «Vi Coactus» und bedeutet «gezwungenermassen». War da also jemand unter Druck Chefin einer Partei geworden, die immerhin bei der letzten Unterhauswahl von 3,8 Millionen Briten (12,6 Prozent) gewählt worden war? James galt als Kandidatin des wichtigsten Parteispenders Arron Banks und des Aushängeschildes Farage, der am Mittwoch wieder das Parteiruder übernahm – «interimistisch», wie er ausdrücklich versicherte. Ganz auszuschliessen ist allerdings nicht, dass der langjährige Vorsitzende die Chance zur dauerhaften Rückkehr wahrnimmt. Schliesslich hatte Farage schon 2009 einmal aufgehört und sich ein Jahr später triumphal zurückholen lassen. Nach der Wahl im Mai 2015 dauerte seine Demission genau drei Tage. Sind aller guten Dinge drei?

Aber Farage weiss auch: Mit dem gewonnenen EU-Referendum hat Ukip den im Namen feststehenden Zweck eigentlich erfüllt. Zudem versucht die neue konservative Premierministerin Theresa May, den Nationalpopulisten bei der von Labour enttäuschten desillusionierten Arbeiterschicht die Stimmen abzujagen. Vielleicht hat dies zu James' kuriosem Entschluss beigetragen. Mit der kometenhaften Karriere der Kurzzeit-Politikerin dürfte es jedenfalls bald zu Ende gehen.