Kolumbiens Krieg der Greueltaten

Bogotá. Eigentlich möchte man es gar nicht lesen. Am Ufer des Río Cauca findet ein Bauer im April 1990 die Leiche eines Mannes. Sie ist übel zugerichtet: Kopf und Glieder fehlen, der gesamte restliche Körper ist mit tiefen Wunden übersät.

Carol Mauerhofer
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Offene Wunden: Eine Frau in Trujillo zeigt das Foto eines vermissten Verwandten, der vermutlich Opfer der Paramilitärs wurde.

Offene Wunden: Eine Frau in Trujillo zeigt das Foto eines vermissten Verwandten, der vermutlich Opfer der Paramilitärs wurde.

Bogotá. Eigentlich möchte man es gar nicht lesen. Am Ufer des Río Cauca findet ein Bauer im April 1990 die Leiche eines Mannes. Sie ist übel zugerichtet: Kopf und Glieder fehlen, der gesamte restliche Körper ist mit tiefen Wunden übersät. Seine Mörder haben ihn derart massakriert, dass die Angehörigen den Verstorbenen erst anhand einer Metallplatte im Schienbein mit Gewissheit identifizieren: Es ist Padre Tiberio Fernández, der Priester von Trujillo. Wie ein Augenzeuge später berichtet, haben ihn Paramilitärs bei lebendigem Leib mit einer Motorsäge in Stücke geteilt. Seine Nichte musste dabei zusehen.

«Padre Tiberio war eine extrovertierte Person mit einem unglaublichen Humor und einem grossen Herz. Er setzte sich stark für die Armen und für die Bauern ein. Deshalb hat man ihn auch der Zusammenarbeit mit der Guerilla bezichtigt», sagt José Pérez (Name geändert). «Sein Tod war schrecklich, aber wir mussten schweigen.» Geschwiegen hat Pérez auch, als sein Bruder verschwand und nie wieder auftauchte. Wer nach der Wahrheit fragte, wurde ebenfalls umgebracht.

Wie Pérez' Bruder und Padre Tiberio starben in Trujillo zwischen 1988 und 1994 mindestens weitere 340 Personen. Das ist rund jeder 60. Einwohner der kleinen Gemeinde im Südwesten des Landes. Bis heute musste kein einziger Täter für diese Greuel büssen.

Konflikt der Schandtaten

Aufgrund der Brutalität gehören die Greueltaten von Trujillo wohl zu den dunkelsten Kapiteln des jahrzehntelangen Konflikts in Kolumbien. Es handelt sich allerdings nur um eines von über 2500 Massakern, welche eine vom Staat beauftragte Gruppe seit 1982 registriert hat. Der «Grupo de Memoria Histórica» (GMH), eine Arbeitsgruppe der «Nationalen Kommission für Wiedergutmachung und Versöhnung», befasst sich seit drei Jahren mit der Aufarbeitung der kolumbianischen Vergangenheit. «Kolumbien hat nicht nur einen Krieg der Gefechte, sondern auch einen Krieg der Massaker», schreiben die Experten in ihrem 300seitigen Bericht, welcher die Ereignisse in Trujillo schildert.

Zum ersten Mal hat eine staatliche Kommission festgehalten, was Nichtregierungsorganisationen seit Jahren dokumentieren. Der GMH fordert Regierung, Generalstaatsanwaltschaft, Militär und Polizei zum Handeln auf. Unter anderem sollen Prozesse neu aufgerollt, die Auslieferung der Haupttäter an die USA gestoppt, die Wahrheit öffentlich anerkannt und Opferschutzprogramme ausgearbeitet werden. Berichte über sieben weitere Massaker sollen folgen. Darunter auch über solche, die linksgerichtete Guerillagruppen verübt haben.

Die Schweiz unterstützt die Vergangenheitsbewältigung in Kolumbien seit 2005. Auf Anfrage der kolumbianischen Regierung steht sie dem GMH beratend zur Seite und finanziert dessen Tätigkeiten mit 150 000 Franken pro Jahr. Expertinnen und Experten des Aussendepartements (EDA) bringen dabei Erfahrungen ein, die sie bereits mit ähnlichen Projekten in Südafrika, Bosnien oder Guatemala gesammelt haben.

Versäumnisse des Staates

Der kolumbianische Vizepräsident Francisco Santos räumte bei der Präsentation des Berichts zu den Greueltaten in Trujillo Fehler des Staates ein: «Dieser Staat war nicht fähig, das Leben derjenigen zu schützen, an die wir heute erinnern, die Verantwortlichen zu bestrafen und die Angehörigen umfassend zu entschädigen.» Santos bat die Angehörigen der Opfer öffentlich um Verzeihung.

Die Expertengruppe appelliert in ihrem Bericht aber nicht nur an den Staat, sondern auch an die Gesellschaft. Diese habe auf Meldungen über das Massaker nicht mit Betroffenheit reagiert, sondern mit Routine und Vergessen. Den Blick auf Trujillo zu richten, sei eine erste Anstrengung, um zu zeigen, dass die Geschehnisse der nationalen Vergangenheit angehörten: «Trujillo ist Kolumbien.»

Die Initiative der Regierung von Präsident Alvaro Uribe ist ein erster Schritt zur Wiedergutmachung. Er lässt die Opfer zu Wort kommen und stärkt ihre Glaubwürdigkeit im Kampf um ihre Rechte. Doch ist die Aufarbeitung nicht zu vergleichen mit der Vergangenheitsbewältigung in anderen Ländern: Der GMH ist eine Arbeitsgruppe und nicht eine Wahrheitskommission. Seine Empfehlungen an die Regierung sind nicht verbindlich. Und der Konflikt in Kolumbien gehört nicht der Vergangenheit an.

Über 30 000 Paramilitärs haben sich nach Angaben der Regierung in den letzten Jahren demobilisiert. Menschenrechtsorganisationen beziffern die Zahl allerdings deutlich tiefer – die Drahtzieher hätten sich nie ergeben. Wie der GMH feststellt, wird die Bevölkerung in Trujillo von alten und neuen Banden bedrängt: «Das Massaker von Trujillo ist ein Massaker, das weitergeht.»

Padre Tiberios Grab geschändet

Auch 20 Jahre nach dem Tod seines Bruders will José Pérez deshalb anonym bleiben. Er lebt seit einiger Zeit im Ausland, hat aber dennoch Angst, dass ihm seine Aussagen schaden könnten. Heute sei es für ihn noch gefährlicher als früher, nach Trujillo zurückzukehren: «Damals kannte ich alle. Heute weiss ich nicht mehr, wer wer ist.» Und auch Padre Tiberio hat seine Ruhe noch nicht gefunden. Bereits dreimal haben Unbekannte den Erinnerungspark für die Opfer von Trujillo beschädigt. Im vergangenen Januar schändeten sie das Grab des Priesters.

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