Königspartei und Islamisten kämpfen um die Macht

Marokko Sie wollten die Parlamentswahlen heute in Marokko anscheinend mit einem Bombenanschlag erschüttern: Das Kommando aus zehn mutmasslichen Terroristen, welche der IS-Terrormiliz zugerechnet werden, sei gerade noch rechtzeitig festgenommen worden, teilten die marokkanischen

Ralph Schulze, Madrid
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Marokko Sie wollten die Parlamentswahlen heute in Marokko anscheinend mit einem Bombenanschlag erschüttern: Das Kommando aus zehn mutmasslichen Terroristen, welche der IS-Terrormiliz zugerechnet werden, sei gerade noch rechtzeitig festgenommen worden, teilten die marokkanischen Sicherheitsbehörden mit. Alle Terrorverdächtigen seien Frauen, berichtete ein Polizeisprecher – es sei die erste weibliche Terrorzelle, die man zerschlagen habe.

Islamisten reklamieren Erfolge gegen Jihadisten

Auch wenn Marokko in den vergangenen Jahren von Terroranschlägen verschont blieb, wächst die Sorge, dass extremistische Gruppen das touristische Wüstenreich destabilisieren könnten. Der moderat-islamistische Premier Abdelilah Benkirane (62), der seit 2011 der Regierung vorsteht, hält sich zugute, bisher Schlimmeres verhütet zu haben. Mehr als 30 mutmassliche Terrorkommandos seien in den vergangenen fünf Jahren festgesetzt worden. Benkirane hofft darauf, seine Vormacht im marokkanischen Königreich, in dem der Islam Staatsreligion ist, ausbauen zu können.

Doch der heutige Wahlgang ist belastet durch den Vorwurf Benkiranes und seines Justizministers Mustapha Ramid, dass bei der Vorbereitung «merkwürdige Dinge» geschehen seien. Dahinter steckt der Vorwurf an König Mohammed, seine Hand bei der Wahl im Spiel zu haben. Innenminister Mohamed Hassad, der für die Wahlorganisation zuständig ist, stehe unter der Fuchtel des Palastes.

Es ist kein Geheimnis, dass der Monarch, der in dem nordafrikanischen Land im Hintergrund noch immer die Fäden zieht, die erstarkenden Islamisten zu bremsen versucht. Vielleicht auch, weil fünf Jahre nach dem Arabischen Frühling, der in Marokko nur wenig Spuren hinterlassen hat, eine zunehmende Radikalisierung der jungen Bevölkerung spürbar sei, wie dieser Tage Ministerpräsident Benkirane erklärte. Mindestens 1500 junge Fundamentalisten aus Marokko sollen in den Krieg nach Syrien und Irak gezogen sein.

Nach Angaben der Weltbank sind 40 Prozent der unter 25-Jährigen in den Städten arbeitslos. Armut, Perspektivlosigkeit und weitverbreitete Korruption auf allen Ebenen sorgen für Frustration. Hinzu kommt ein allmächtiger König, der Demokratie nur sehr dosiert zulässt. Der 53-Jährige, der 1999 den Thron von seinem Vater geerbt hat, ist Marokkos reichster Mann, einflussreichster Unternehmer des Landes und sieht sich zudem als religiöser Führer des Volkes. Wer es wagt, die Rolle Mohammeds in Frage zu stellen, bekommt es mit der Justiz zu tun.

Populäre Köngispartei, aber viele Nichtwähler

Als stärkster Gegner der islamistischen «Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei» (PJD), die seit 2011 in Koalition mit kleineren säkularen Partnern regiert, gilt die dem König nahe «Partei der Authentizität und Modernität» (PAM). Eine Bewegung, die von einem Vertrauten des Königs, dem früheren Innenminister und heutigen Berater des Monarchen Fouad Ali el-Himma, gegründet wurde. Seit 2008 legt diese Königspartei an Zustimmung kontinuierlich zu.

Grösste Bewegung unter den 34 Millionen Marokkanern ist jedoch die Gruppe der Nichtwähler. Üblicherweise geben weniger als 50 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab. Nur etwa 16 Millionen Marokkaner sind überhaupt als Wähler registriert. In den Parlamentswahlen 2011 lag die Beteiligung bei 45 Prozent der registrierten Wähler.