Königin Elizabeth II und ihre Sorgenkinder: Der Vollprofi im Buckingham-Palast

Königin Elizabeth II hat in ihrer Amtszeit 14 Premierminister und eine ganze Reihe an royalen Skandalen überlebt. Auch im neusten Kapitel der Windsor-Saga wirkt die Monarchin gegen aussen ruhig und besonnen – auch wenn das manche auf der Insel langweilig finden.

Sebastian Borger aus London
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Seit 67 Jahren sitzt Königin Elizabeth II in Grossbritannien auf dem Thron. Das Bild zeigt sie auf Schloss Windsor gemeinsam mit ihren Hunden Willow, Vulcan, Candy und Holly. Bild: Annie Leibovitz/AP (20. April 2016)

Seit 67 Jahren sitzt Königin Elizabeth II in Grossbritannien auf dem Thron. Das Bild zeigt sie auf Schloss Windsor gemeinsam mit ihren Hunden Willow, Vulcan, Candy und Holly. Bild: Annie Leibovitz/AP (20. April 2016)

Kritik an Königin Elizabeth II hat es ­immer wieder gegeben. Biografen und Zeitungskolumnisten, die Produzenten unzähliger Filme und zuletzt der glamourösen Fernsehserie «The Crown» haben sich über die langen Jahrzehnte ihrer Verweildauer auf dem Thron abgearbeitet an Elizabeth Alexandra Mary Windsor, Monarchin des Vereinigten Königreiches von Grossbritannien und Nordirland sowie weiterer 15 Mitgliedsstaaten des Commonwealth, von Australien bis Tuvalu. Zu langweilig, zu schweigsam, zu konservativ sei die mittlerweile 93-Jährige. Nur unprofessionell, das hat die ältere Dame noch niemand genannt.

Wie absurd dieser Vorwurf wäre, liess sich am Mittwochabend besichtigen. Eine knappe halbe Stunde nach der sensationellen Erklärung, ihr Lieblingssohn Prinz Andrew ziehe sich aus der Öffentlichkeit zurück, traf die Monarchin beim Londoner Thinktank Chatham House ein. Mit freundlichem Lächeln überreichte sie dem berühmten Naturfilmer David Attenborough – eine lebende Legende wie sie selbst – einen Preis, scherzte mit dem Leiter des Instituts und liess mit keiner Sorgenfalte erkennen, wie schwer die letzten Tage für sie gewesen sein müssen.

Paradiesvögel und Skandalnudeln

Unwillkürlich fühlten sich viele Beobachter erinnert an die vermeintlichen Einblicke, die wir der aufwendig gestalteten Netflix-Serie verdanken: Wie ihre Darstellerin der Lebensmitte, Oscar-­Preisträgerin Olivia Coleman, geht die Königin unbeirrt von den Skandalen um sie herum durchs Leben. Waren es in den 1960er-Jahren die Eskapaden ihrer jüngeren Schwester Margaret, brillant verkörpert von Helena Bonham Carter, in den 1990er-Jahren der Scheidungskrieg zwischen Thronfolger Charles und seiner Frau Diana, so kam in den vergangenen Tagen ihr zweiter Sohn Andrew wegen seiner Verbindungen zu dem Sexualstraftäter Jeffrey Epstein nicht mehr aus den Schlag­zeilen (siehe Text rechts).

Es habe in der Familie Windsor seit Queen Victoria (1837–1901) immer wieder solche Paradiesvögel und Skandalnudeln gegeben, erläutert Prinzgemahl Philip, dargestellt von Tobias Menzies, in der neuen «The Crown»-Staffel. Seine Gattin hingegen, fügt der Abkömmling des Hauses Schleswig-Holstein-­Sonderburg-Glücksburg in charakteristischer Direktheit hinzu, gehöre eben zu der anderen Kategorie: den Vorsichtigen, Pflichtbewussten, ein wenig Langweiligen.

Die Pflichtbewusste bleibt im Dienst

Mag sein, dass der Begleiter aus mehr als 72 Ehejahren der Königin als Ratgeber fehlt – den mittlerweile 98-Jährigen behellige sie mit schwierigen Problemen nicht mehr gern, heisst es im Umfeld des Buckingham-Palastes. An seine Stelle treten zunehmend Thronfolger Charles, 71, und dessen ältester Sohn William, 37. Besonders der Prinz von Wales soll sich in den vergangenen Tagen immer wieder von seinem Staatsbesuch in Neuseeland aus gemeldet und auf Konsequenzen für Prinz Andrew gedrängt haben. Immerhin drohte der Monarchie selbst Missgeschick, und an dieser Stelle kennen die Windsors kein Pardon.

20. November 1947: Elizabeth heiratet Prinz Philip, einen griechischen Prinzen mit deutschen Wurzeln –was nach dem Krieg nicht unumstritten ist. (Bild: AP, London, 20. November 1947)
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2. Juni 1952: Elizabeth wird als 26-Jährige zur Königin von Grossbritannien gekrönt. Erstmals wird die Zeremonie im Fernsehen übertragen. Bild: Getty, London, 2. Juni 1952)
4. April 1955: Elizabeth II mit dem damaligen britischen Premierminister, dem legendären Winston Churchill. (Bild: Imago, London, 4. April 1955)
12. November 1961: Beim Besuch der Königin in Ghana weht ein Hauch des untergegangenen britischen Empire durch die Szenerie. (Bild: Getty, Tamale/Ghana, 12. November 1961)
29. Juli 1981: Elizabeth II bei der legendären Märchenhochzeit ihres Sohnes Prinz Charles mit Lady Diana. Die Ehe scheitert später und sorgt für zahlreiche Skandale rund um die britischen Royals. (Bild: Imago)
14. Oktober 2019: Die Königin und ihr Thronfolger Prinz Charles bei der feierlichen Eröffnungszeremonie des britischen Parlaments. (Bild: AP)

20. November 1947: Elizabeth heiratet Prinz Philip, einen griechischen Prinzen mit deutschen Wurzeln –was nach dem Krieg nicht unumstritten ist. (Bild: AP, London, 20. November 1947)

Elizabeth II ist geprägt vom Trauma der Abdankung Edward VIII vor nunmehr 83 Jahren. Aus unmittelbarer Nähe erlebte die 10-Jährige mit, wie ihr stotternder Vater als Georg VI die Nachfolge antreten und die Institution aus schwerem Fahrwasser führen musste. An ihrem 21. Geburtstag, der damals die Volljährigkeit markierte, hat die damalige Prinzessin 1947 ein öffentliches Gelöbnis abgelegt: Sie werde «mein ganzes Leben, ob es lang währt oder kurz, dem Dienst an Ihnen und an der grossen imperialen Familie widmen». Mag die imperiale Familie stark zusammengeschrumpft sein, mögen die Premierminister an ihr vorbeidefilieren – Boris Johnson ist der 14. ihrer Amtszeit –, mögen wichtige Berater in den Ruhestand treten – «Elizabeth, die Pflichtbewusste» (Biograf Andrew Roberts) bleibt im Dienst.

Nur einmal, in einem lang zurückliegenden TV-Porträt, hatte die Queen Einblick in ihre Gedankenwelt gegeben. Da redete die Pferdeliebhaberin und Rennstallbesitzerin über sich selbst beinahe wie über eines ihrer Pferde: «Man kann viel erreichen, wenn man ordentlich geschult worden ist – und ich hoffe, ich bin ordentlich geschult.» Auf jeder britischen Münze wird sie bis heute «Königin von Gottes Gnaden» genannt, aber die Devotheit der 1950er-Jahre ist säkularer Skepsis gewichen. Die Popularität der Monarchie muss immer wieder aufs Neue erarbeitet werden, und Elizabeth lässt sich nicht lang bitten. Bei Hunderten von Terminen jährlich trägt die kurz geratene Dame stets auffallende Kleidung, lässt sich von durchsichtigen Schirmen vor Regen schützen: Das Staatsoberhaupt zeigt sich seinem ­Souverän, dem Volk.

Autorität ohne Macht

Sie ist der inkarnierte Anachronismus, mit ihrem täglichen Privatgebet aus der Zeit ihres weitgehend säkularisierten Landes gefallen, eine unmoderne Frau, deren innere Welt sich so radikal von den meisten ihrer Untertanen unterscheidet wie ihre äusserliche privilegierte Stellung. Und vielleicht bleibt Elizabeth, mittlerweile bei vielen öffentlichen Anlässen vertreten von Charles oder William, gerade deshalb das hochrespektierte Symbol der ungeschriebenen britischen Verfassung, die in letzter Zeit – Stichwort Brexit – unter massiven Druck geraten ist.

Bereits im Januar bat sie die Vertreter der verhärteten Fronten im Kampf um Grossbritanniens EU-Austritt um Mässigung: «Gut übereinander reden und unterschiedliche Standpunkte respektieren; gemeinsam nach Übereinstimmung suchen; und niemals das grosse Ganze aus den Augen verlieren.» Der Appell verhallte ungehört. Auch daran hat sich die Monarchin gewöhnt. Ihr Leben sei nun einmal ein Paradox, lautet die Zusammenfassung des Londoner Autors Andrew Gimson: «Sie hat Autorität und ist gleichzeitig machtlos.»

Die Autorität hat Prinz Andrew zu spüren bekommen. Freilich bleibt die Chefin der mittelständischen Firma Windsor machtlos gegenüber äusseren Faktoren wie der Frage, wann die Verwicklung des 59-Jährigen in das Sexualleben seines einstigen Freundes Epstein endlich aus den Schlagzeilen verschwindet. Das bleibt im wirklichen Leben genauso wahr wie in der fiktiven Darstellung bei «Crown».