Kleiner Mann, grosse Lücke

Er ist nur 1,63 Meter gross, hinterlässt aber grosse Fussstapfen: Wie geht es mit der Linkspartei in Deutschland weiter nach dem angekündigten Rücktritt von Fraktionschef Gregor Gysi?

Christoph Reichmuth/Berlin
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«Ich habe nur Liebe und Hass erlebt»: Gregor Gysi, die charismatische Galionsfigur der Linkspartei. (Bild: epa/Oliver Berg)

«Ich habe nur Liebe und Hass erlebt»: Gregor Gysi, die charismatische Galionsfigur der Linkspartei. (Bild: epa/Oliver Berg)

Gregor Gysi hat in seiner politischen Karriere schon viele ausserordentliche Reden gehalten. Jene Rede kürzlich am Linken-Parteitag in Bielefeld gehört vermutlich zu den besten. Da war alles drin: Wortwitz, Emotionen, Analyse, Appell und auch Selbstkritik. Den Tränen nahe sagte der ehemalige DDR-Anwalt, dass er im Oktober von seinem Amt als Fraktionschef der Linkspartei zurücktreten werde. Der 67-Jährige appellierte eindringlich an seine Parteigenossen, sie mögen sich doch öffnen, nicht allzu dogmatisch sein, dann könne man irgendwann auch mal mitregieren.

Drei Herzinfarkte, zwei kaputte Ehen

25 Jahre lang war Gysi Berufspolitiker; er wird es noch bleiben, als einfacher Bundestagsabgeordneter. Sein politisches Engagement kostete ihn fast das Leben, drei Herzinfarkte, eine riskante Gehirnoperation. Hinzu kommen zwei zerbrochene Ehen. Seine pragmatische, zugleich aber lockere Art machten ihn zu einem der beliebtesten Politiker im Land – obschon bis heute immer noch das Gerücht kursiert, Gysi habe in der DDR als Inoffizieller Mitarbeiter für die Staatssicherheit Stasi gearbeitet. Gysi schaffte es zudem, den Realo- und den radikalen Flügel in seiner Partei einigermassen zusammenzuhalten. Ihm traute man zu, die Linkspartei in ein Regierungsbündnis mit SPD und Grünen auf Bundesebene zu hieven.

1989 hielt das damalige SED-Mitglied vor 500 000 Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz seine erste grosse Politikerrede, 1990 kämpfte er um den souveränen Fortbestand einer sich reformierenden DDR, viele Menschen bespuckten und beschimpften ihn dafür an öffentlichen Anlässen. «Ich habe nur Liebe und Hass erlebt, niemals Gleichgültigkeit», sagte Gysi einmal in einem Interview.

Wagenknecht ist noch radikaler

Was der Abschied der Galionsfigur von der Parteispitze für die mit rund zehn Prozent stärkste Oppositionskraft im Bundestag heisst, wird sich zeigen. Im Oktober soll die Fraktionsspitze der Linkspartei mit einem Tandem neu besetzt werden. Die kühl wirkende, radikal linke Sahra Wagenknecht und der Reformer Dietmar Bartsch sollen die Partei in die wichtigen beiden nächsten Jahre führen. 2016 stehen in Deutschland fünf wichtige Landtagswahlen an, 2017 folgen dann die Bundestagswahlen.

Ein Regierungsbündnis aus SPD, Grünen und der Linkspartei auf Bundesebene scheint ohne Gysi allerdings noch unrealistischer, als es dies bis anhin schon war. Auf dem Parteitag zeigte sich, dass radikal agierende Linkspolitiker wie Wagenknecht oder der Bundesvorsitzende Bernd Riexinger mit ihren Maximalforderungen auf breite Zustimmung stossen. Vor allem Wagenknecht, Ehefrau des bei der SPD in Ungnade gefallenen Oskar Lafontaine, machte zuletzt deutlich, dass für die Linkspartei ein Zusammengehen mit der SPD von Sigmar Gabriel undenkbar sei.

Der Berliner Politikwissenschafter Oskar Niedermayer hält ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene für sehr unwahrscheinlich. «Die Differenzen bestehen in der Aussen- und Sicherheitspolitik, auch in wichtigen innenpolitischen Fragen. Die Linkspartei erwartet, dass sich die SPD auf sie zubewegt. Doch das halte ich für unwahrscheinlich.» Der Rücktritt des charismatischen Gysi sei für die Linkspartei keine gute Nachricht. Wagenknecht, ein Medienstar und Dauer-Talkshow-Gast, wirke distanziert und abgehoben, auch andere hätten nicht das Format eines Gysi.