Kim will nicht zum grossen Bruder

Mit viel Pomp wird China Anfang September den 70. Jahrestag des «Sieges über den Faschismus» feiern. Nordkoreas Diktator Kim Jong Un will nicht nach Peking reisen. Es herrscht Eiszeit zwischen den Nachbarn.

Walter Brehm
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Ist Kim Jong Un zu beschäftigt, um nach Peking zu reisen? (Bild: Epa/Rodong Sinmun)

Ist Kim Jong Un zu beschäftigt, um nach Peking zu reisen? (Bild: Epa/Rodong Sinmun)

Aus der einstigen Waffenbruderschaft ist Streit geworden. Das Vertrauen ist Misstrauen gewichen. Kim Jong Un, der Machthaber in Nordkorea, ist verärgert, seit der grosse Bruder China sein Atomprogramm als «eine Gefahr für Nordostasien» bezeichnet.

«Genosse Kim hat viel zu tun»

Das Verhältnis zwischen den chinesischen Reformkommunisten und dem jungen Altstalinisten aus Nordkorea ist an seinem bisherigen Tiefpunkt angelangt. Diplomatische Zurückhaltung war gestern. Die im Korea-Krieg gegen den «US-Imperialismus» (1950 bis 1953) «mit Blut besiegelte Freundschaft» nennen beide Seiten nur noch «normale Beziehungen zwischen zwei Staaten».

Aus der Abteilung für internationale Beziehungen im Zentralkomitee der nordkoreanischen Arbeiterpartei heisst es gar offen: «Die Beziehungen sind in jüngster Zeit nicht gut.» Und im Hinblick auf die Feiern zum Ende des Zweiten Weltkrieges am 3. September sagt ein hoher ZK-Funktionär reserviert: «Der Genosse Kim ist sehr beschäftigt. Es ist viel zu tun.» Der Vorsitzende müsse die eigenen, nordkoreanischen Feiern zum Ende des japanischen Kolonialismus und zum Geburtstag der Arbeiterpartei am 10. Oktober vorbereiten.

Ein Atomtest zum Fest?

In Peking und unter Diplomaten in Pjöngjang ist bereits die Befürchtung zu hören, Kim Jong Un könnte aus Anlass der Feiertage einen neuen Atom- oder Raketentest veranlassen, um der Welt seine ungebrochene militärische Stärke zu demonstrieren.

Peking fühlt sich düpiert

So richtig willkommen wäre der Machthaber in Nordkorea in Peking anscheinend sowieso nicht. Professor Cui Yingjiu, Direktor des Korea-Instituts an der Universität Peking, sagt schroff: «Was sollten wir mit ihm reden, wenn er käme? China ist dagegen, dass Nordkorea Atomwaffen besitzt. Kim wiederum will Unterstützung und Hilfe für seine marode Wirtschaft, was wir aber ablehnen.»

Peking fühlt sich von Pjöngjang düpiert. Nordkorea hat sich jüngst geweigert, die seit 2009 eingefrorenen Verhandlungen über sein Atomprogramm mit China, Russland, den USA, Südkorea und Japan wieder aufzunehmen. Dies, obwohl sich Peking noch Ende Mai dafür stark gemacht hatte, dass die westlichen Verhandlungspartner alle Bedingungen für die Weiterführung des Dialogs fallenlassen.

«Real existierende Bedrohung»

China ist äusserst besorgt, seit es seine Schätzungen zum nordkoreanischen Atomarsenal nach oben korrigiert hat. Diese gehen nun davon aus, dass der Nachbar bereits über 20 Atomsprengköpfe verfügt und über genügend angereichertes Uran, um seine Produktion zu verdoppeln. Genaue Zahlen hat China zwar nicht. Aber im Institut für Strategische Studien in Pekings Parteihochschule ist Professor Zhang Liangui überzeugt: «Jeder der drei bisherigen Atomwaffentests hat Nordkorea einen Schritt weitergebracht. Da ist keine theoretische Bedrohung mehr, sondern eine bereits real existierende.»