Kim und das banale Geheimnis seiner Macht aus der Sicht eines westlichen Chronisten

Die Spekulationen um den Gesundheitszustand von Nordkoreas Machthaber Kim provoziert die Frage: Kann sich seine Familie im Falle eines Falles auch in vierter Generation an der Macht halten? Ja, mit grösster Wahrscheinlichkeit. Denn der Personenkult um die Kims ist von verstörender Raffinesse und Banalität. Ein Erlebnisbericht aus dem vermeintlichen «Herzen des Bösen».

Klaus Zaugg/watson.ch
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Der heutige Herrscher Nordkoreas Kim Jong Un.

Der heutige Herrscher Nordkoreas Kim Jong Un. 

(Foto: epa)

Die Geschichte lehrt uns eigentlich, dass Diktatoren ihre Nachfolge nicht zu regeln und schon gar nicht die Macht in der Familie zu halten vermögen. Nicht einmal Josef Stalin ist es gelungen, einen Nachfolger zu installieren. In Nordkorea aber herrschen die Kims wie in einer Erbmonarchie bereits in der dritten Generation absolut. Vom Staatsgründer Kim Il Sung ist die Macht 1994 auf seinen Sohn Kim Jong Il und 2011 schliesslich auf den aktuellen Machthaber Kim Jong Un übergegangen.

In einer zweiwöchigen Reise im Sommer 2017 ist es nicht möglich, tief ins Innere eines unheimlichen Machtsystems zu blicken. Ein Nordkoreaner würde ja nach einer 14-tägigen geführten Reise durch unser Land die Geheimnisse der direkten Demokratie auch nicht ergründen können.

Und doch ist es allein durch Beobachtung möglich, etwas über den Personenkult rund um das Staatsoberhaupt zu verstehen. Schliesslich ist Public Relations (Öffentlichkeitsarbeit) auch in direktdemokratischen Staatswesen wie der Eidgenossenschaft ein blühender Industriezweig.

Die Familie im Vordergrund

Kim ist in Nordkorea in der Öffentlichkeit keineswegs so allgegenwärtig, wie wir aufgrund der unzähligen in der ganzen Welt verbreiteten Bilder vermuten könnten. Kim hier, Kim da, Kim auf einem Pferd, Kim mit Generälen bei Raketentests und so weiter und so fort.

Allgegenwärtig ist in Nordkorea vielmehr die Familie. Und geschickt wird Kim nicht als der alleinige weise, allwissende Führer gefeiert. Sondern seine ganze Familie. Die Verbundenheit des Volkes mit dem Familienclan wird auf eine banale und doch raffinierte Art und Weise kultiviert.

In allen öffentlichen Gebäuden sind die Bilder des Vaters und/ oder des Grossvaters zu sehen und in jeder grösseren Ortschaft stehen Statuen der beiden ersten Staatsoberhäupter. Wer daran vorbeigeht, verlangsamt seinen Schritt und verbeugt sich, wer daran mit dem Auto oder dem Velo vorbeifährt, verlangsamt auf Schritttempo. Radarkontrollen sind nicht erforderlich (so es denn überhaupt ein Radargerät in diesem Land geben sollte). Niemand denkt nur daran, an den Standbildern der Granden der Politik vorbeizurasen.

Der Grossvater (links) und der Vater (rechts) von Kim Jong Un.

Der Grossvater (links) und der Vater (rechts) von Kim Jong Un. 

(Foto: ap)

Kim, der Bescheidene

Auf meine Frage, warum denn der aktuelle Kim nicht präsenter sei, warum nicht auch von ihm Standbilder zu sehen seien oder Standbilder mit allen drei bisherigen Staatsoberhäuptern, habe ich zur Antwort bekommen: «Wissen Sie, er ist so weise und bescheiden. Er erachtet sich noch nicht als würdig, auf gleicher Stufe wie sein Grossvater und Vater zu stehen.»

Das nimmt enorm viel «Erwartungsdruck» von Kim. Er wird als weises, bescheidenes Staatsoberhaupt präsentiert, das sozusagen in einer «Lernphase» steckt und nicht für die Missstände verantwortlich gemacht werden kann.

Kim wird wohl erst nach seinem Ableben auf die Stufe seines Grossvaters und Vaters gehoben. Sein Nachfolger, der nächste Vertreter der «Erbmonarchie» der Kims wird dann der neue weise, bescheidene Anführer des Volkes sein. Wahrlich, eine banale und doch raffinierte PR-Strategie.

Vom Präsidenten bis zum Marschall

Dazu passt, dass die Kims nicht die gleichen Titel tragen. Wäre der Staatsgründer der allmächtige, nicht mehr zu überbietenden Titan, dann müssten seine Nachfolger zwangsläufig kleiner und kleiner werden. Das darf natürlich nicht sein.

Staatsgründer Kim Il Sung trägt den Titel «Präsident». Sein Sohn Kim Jong Il ist «General» und der aktuelle Kim «Marschall». Auf Lebzeiten versteht sich. Es kann also keinen weiteren Präsidenten, General oder Marschall aus der Kim-Dynastie geben.

Kim Jong Il bei einem Auftritt im Jahr 2002.

Kim Jong Il bei einem Auftritt im Jahr 2002. 

(Foto: ap/ap)

Ich habe mich zu einem makabren Scherz hinreissen lassen. Einer unserer ständigen Reisebegleiter sprach fliessend Deutsch. Er hatte noch in der DDR studiert und war mit der deutschen Historie wohl vertraut. Also sagte ich zu ihm: «Ich wüsste einen Titel für den nächsten Kim». – «So?» - «der Führer». – Nie werde ich sein entsetztes Gesicht vergessen.

Ein besonderes Zeichen der Verbundenheit sind die Frisuren der Männer. In der Hauptstadt tragen eigentlich alle das Haupthaar nach dem Vorbild von Kim. Was mich noch einmal zu einem Scherz mit meinem «Schatten» verleitet hat. «Gott sei Dank hat Kim keine Glatze». Der gute Mann hat sein Gesicht ob diesem Spruch vor Entsetzen mit den Händen bedeckt. Sorry, in Nordkorea sollte man als Gast eigentlich nicht scherzen.

Das Volk ist also mit der Dynastie der Kims und nicht nur mit einer einzigen Person verbunden und diese Dynastie hängt eben nicht, wie in einer «klassischen» Diktatur mit Gedeih und Verderb, an einem einzigen Namen. Das ist der Grund, warum die Kims gute Chance haben, auch in vierter Generation zu regieren.

Kim Jong Un ist beim Volk äusserst beliebt.

Kim Jong Un ist beim Volk äusserst beliebt.  

(Foto: epa)

Der Krieg noch nicht zu Ende

Auch auf die Frage, warum das nordkoreanische Volk die Folgen einer absurden Politik erträgt (Atom- und Raketentests, aber Hunger im Land) ist erstaunlich einfach zu beantworten.

Schon nach wenigen Tagen in diesem Land wird klar: Der Krieg ist noch nicht vorbei. Nordkorea befindet sich im Grunde seit mehr als einem halben Jahrhundert im Kriegszustand.

Der grausame Koreakrieg, in der Erinnerung der «vaterländische Befreiungskrieg», bei dem die Hauptstadt Pjöngjang von den Amerikanern und ihren Verbündeten praktisch bis auf die Grundmauern zusammengebombt worden ist, wurde 1953 durch einen Waffenstillstand und nicht mit einem Friedensvertrag beendet. Die Nordkoreaner können sich von diesem Trauma nach wie vor nicht lösen. Die Kriegsbedrohung wird im Alltag als real empfunden.

Der Befreiungskampf ist also nicht beendet, die Demarkationslinie am 38. Breitengrad wird als Grenze nicht akzeptiert und auf den in Nordkorea verkauften Karten nicht eingezeichnet. Es gibt in Nordkorea nur Karten der gesamten Halbinsel. Das grosse Sehnsuchtsziel ist die Vereinigung des Vaterlandes durch eine Vertreibung der US-Imperialisten auch aus Südkorea.

Das Argument, nur eine atomare Bewaffnung bewahre die Unabhängigkeit, ist für die Nordkoreaner keineswegs absurd und wird mit dem Hinweis bekräftigt, die Amerikaner hätten den Irak nicht zu zerstören gewagt, wenn Saddam Hussein im Besitze der Atomwaffe gewesen wäre.

Und bestätigen denn die gegen Nordkorea verhängten Sanktionen (die nur das Volk, aber nicht die Machthaber treffen) nicht den Kriegszustand? So erduldet das nordkoreanische Volk enorme Entbehrungen. Immer wieder fällt von unseren Begleitern der Satz: «Wir beugen uns nicht.»

Was zu einer banalen Schlussfolgerung führt: Würden die Sanktionen komplett aufgehoben und der Handel mit Nordkorea geöffnet und forciert, wäre die Abschottung nicht mehr aufrechtzuerhalten, die Kim-Dynastie würde wohl in kürzester Zeit gestürzt und der Albtraum wäre vorbei. Wahrscheinlich würde sich dann auch herausstellen, dass die ganzen Atombomben-Drohungen nur ein Bluff sind. Einer der grössten Bluffs der Weltgeschichte.

Aber gerade weil es so banal, so einfach zu sein scheint, passiert es nicht.