Kim Jong Un will angeblich Konfrontation beenden

«Radikaler Wandel» und das Angebot, «die Konfrontation zu beenden», lassen aufhorchen. Will Kim Jong Un wirklich Entspannung oder sind es Lippenbekenntnisse, um die neue Präsidentin Park Geun-hye zu testen?

Angela Köhler
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Kim Jong Un (Bild: ap/Kyodo News)

Kim Jong Un (Bild: ap/Kyodo News)

SEOUL. In einem Punkt sind sich die Seouler Beobachter der nordkoreanischen Diktatur einig: Diese erste Neujahrsansprache von Kim Jong Un war weniger an dessen 25 Millionen Genossen gerichtet als an die Landsleute südlich der Demarkationslinie am 38. Breitengrad. Südkoreas Presse wertet es sogar als Sensation, dass es der junge Diktator erstmals für «wichtig» hält, «die Konfrontation zwischen dem Norden und dem Süden zu beenden», weil diese «zu nichts anderem als Krieg» führe.

Das einflussreiche Massenblatt «Chosun Ilbo» erkennt darin «Zeichen des Wandels» und «The Korea Times» sieht sogar «eine bedeutende Wende weg von der Rhetorik der Drohungen», wie sie bisher aus Pjöngjang zu hören waren.

Die noch bis Februar unter Führung des Hardliner-Präsidenten Lee Myung Bak stehende Regierung reagierte eher zurückhaltend. Vereinigungsminister Yu Woo Ik findet in der Ansprache «nichts Besonderes», und das Seouler Verteidigungsministerium stellt die berechtigte Frage, warum Kim gleichzeitig militärische Aufrüstung ankündige, wenn er angeblich Frieden wolle.

«Interessante Angebote»

Dagegen finden die Vordenker des Landes wie das Sejong Institut in der Rede «interessante Angebote an die neue Präsidentin Park Geun-hye», auf das verfeindete Brudervolk zuzugehen. Die konservative Tochter eines früheren Militärdiktators hat bereits signalisiert, dass sie nach der Amtsübergabe im Blauen Haus von Seoul nächsten Monat das seit Jahren abgebrochene Gespräch mit den Machthabern im Norden wieder aufnehmen möchte. Ihr Kalkül: Hat Kim Jong Un seine Macht konsolidiert, könnte der vor einem Jahr nach dem plötzlichen Tod seines Vaters in den Vordergrund getretene Jung-Diktator theoretisch einen Neustart der innerkoreanischen Beziehungen, vielleicht sogar eine reale politische Reform zur Sprengung des Isolationsrings um Nordkorea wagen. Ob die erste öffentliche Neujahrsansprache des dritten Kim in der kommunistischen Dynastie dafür schon das erhoffte Signal ist, bleibt jedoch Spekulation.

Man wird die versöhnlich klingenden Worte des jungen Kim in Südkorea deshalb sehr sorgfältig auf die politische Waage legen und versuchen, dabei Lippenbekenntnisse auszusortieren. Etwa die Formulierung, dass sich beide Seiten für die «Überwindung der Landesteilung» einsetzen sollten. Was immer Kim der Nation damit sagen will, es klingt angesichts von real existierendem Hass und Feindschaft unrealistisch: Für eine baldige Wiedervereinigung gibt es auf der koreanischen Halbinsel derzeit überhaupt keine politischen oder ökonomischen Voraussetzungen, und bei den 50 Millionen Südkoreanern auch nur sehr wenig Willen und Begeisterung.

Von Bedeutung für die Region

Oder was meint der Führer in Pjöngjang mit seiner etwas rätselhaften Ankündigung eines «radikalen Wandels» in der Politik? Gleich siebenmal variierte er in seiner Botschaft diesen verheissenden Begriff. Für den Entspannungsprozess in Ostasien wäre es in der Tat von erheblicher Bedeutung, wenn Kim seine Ankündigung wahr machen würde.

Aber die wichtigste Voraussetzung für Entspannung, Annäherung und eines Tages vielleicht sogar die friedliche und demokratische Wiedervereinigung ist eine radikale Anhebung des Lebensstandards der Nordkoreaner, wie sie Kim jetzt verspricht. Landwirtschaft und Leichtindustrie sollen diesen Aufschwung bewirken. Angeblich hat der Diktator bereits ein Programm entwickelt, wie den Staatsunternehmen dafür grössere Selbstbestimmung eingeräumt werden soll. Allerdings sind in jüngster Vergangenheit solche – an den früheren Reformen in China angelehnte – Experimente der vorsichtigen Marktwirtschaft stets kläglich am Machtanspruch von Partei und Militär gescheitert.