«Keine Chance, dass es nicht zum Brexit kommt»

Wie viele erfahrene Beobachter der britischen Politik flüchtet sich Simon Usherwood an diesem Montag morgen in Galgenhumor. Er habe die letzten 20 Minuten nicht auf das soziale Netzwerk Twitter geschaut, sagt der Politikdozent von der Uni Surrey.

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Simon Usherwood Politikdozent Universität Surrey (Bild: pd)

Simon Usherwood Politikdozent Universität Surrey (Bild: pd)

Wie viele erfahrene Beobachter der britischen Politik flüchtet sich Simon Usherwood an diesem Montag morgen in Galgenhumor. Er habe die letzten 20 Minuten nicht auf das soziale Netzwerk Twitter geschaut, sagt der Politikdozent von der Uni Surrey. «Kann sein, dass wir schon wieder in einer ganz anderen Welt leben.» In Grossbritannien scheine derzeit fast alles möglich zu sein, nur eines nicht: «Dass es nicht zum Brexit kommt? Keine Chance.»

Darin sind sich Usherwood und andere Politologen völlig einig, die im Londoner King's College die Folgen des Austrittsvotums vom vergangenen Donnerstag analysieren. Die Medien lassen an diesem Tag reuige Brexit-Wähler zu Wort kommen. Sie habe ihre Stimme «auf falscher Grundlage» abgegeben, berichtet eine ältere Frau namens Barbara dem BBC-Radiomagazin Today. «Als ich das Resultat hörte, war ich schockiert. Ich wollte doch nur meinen Protest ausdrücken.» Ihren Protest gegen das Ergebnis haben in den vergangenen Tagen auch frustrierte Verlierer gezeigt. Eine Petition für ein zweites Referendum fand bis Montag nachmittag fast vier Millionen Unterzeichner, darunter allerdings mehrere Zehntausend aus Vatikanstadt.

Parlament muss nicht ratifizieren

Eine Risiko-Strategie empfahl der Londoner Labour-Abgeordnete David Lammy: «Das Parlament muss ja den Brexit nicht ratifizieren. Wir können den Albtraum durch ein Votum im Parlament beenden.» Tatsächlich standen mindestens 70 Prozent der Unterhaus-Abgeordneten im Verbleibe-Lager, und von der Verfassung her hat die Volksabstimmung nur konsultativen Charakter. Die Folgen einer Verweigerung aber wären unabsehbar. Typischerweise kommt der Vorschlag von einem Abgeordneten, dessen Nord-Londoner Bezirk Haringey mit Dreiviertel-Mehrheit gegen den Brexit stimmte. Hingegen votierten die Menschen in vielen nordenglischen Labour-Wahlkreisen für den EU-Austritt. Bei der für den Herbst erwogenen Neuwahl wären einer Analyse der Website «Politics Home» zufolge etwa zwei Drittel der derzeitigen Parlamentsfraktion von der Abwahl bedroht, darunter Ex-Parteichef Edward Miliband oder die früheren Minister Yvette Cooper und Andy Burnham. (sbo)