Kein militärisches Allheilmittel

Sie sind schnell zur Hand, die Vertreter militärischer Allheilmittel: Ihr Rat, der Westen, die Nato, müsse in Libyen intervenieren, kommt nicht nur aus Italien.

Walter Brehm
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Sie sind schnell zur Hand, die Vertreter militärischer Allheilmittel: Ihr Rat, der Westen, die Nato, müsse in Libyen intervenieren, kommt nicht nur aus Italien. Die Analyse: Gelingt es dem «Islamischen Staat», sich in Libyen wirklich festzusetzen, ist die Gefährdung Europas durch die Kalifats-Jihadisten real.

Die Analyse führt zur Warnung: Tausende syrische, irakische und afrikanische Flüchtlinge warten an der afrikanischen Mittelmeerküste und sind zu jedem Risiko bereit, die rettenden Strände Südeuropas zu erreichen. Wer will da kontrollieren, ob sich nicht auch Terroristen «retten» lassen? Die geldgierigen Schlepper sicher nicht.

Die Analyse stimmt, die gezeichneten Bedrohungsszenarien sind denkbar. Aber gibt das dem Ruf nach militärischer Intervention des Westens recht?

Abgesehen davon, dass nach wie vor keine politische Strategie gegen den internationalen Jihadismus zu erkennen ist, lohnt sich ein zweiter analytischer Blick und eine ketzerische Frage dazu. Bevor man darüber streitet, wer unter welcher Führung und mit welchen Mitteln in Libyen intervenieren soll, wäre dies zu klären: Welche militärische Intervention im Nahen und Mittleren Osten hat in den vergangenen 20 Jahren die Ziele, die gesteckt wurden, erreicht? Keine!

Auch wenn es das unbestrittene Ziel ist, die IS-Jihadisten zu eliminieren, lohnt sich ein Blick auf die gegenwärtige westlich-arabische Luftkriegs-Allianz, der sich de facto in Libyen nun auch die ägyptische Luftwaffe angeschlossen hat. Was hat sie bisher erreicht und was nicht? Der Kampf um die kurdische Stadt Kobane an der syrisch-türkischen Grenze wurde zum ersten grossen Erfolg gegen den IS. Erkämpft haben ihn allerdings mit einem unglaublich hohen Blutzoll kurdische Peschmerga-Kämpfer. Und die Stadt selber ist nur noch eine unbewohnbare Ruinenlandschaft.

Die geplante Rückeroberung Mossuls, der zweitgrössten Stadt Iraks, wird einen noch höheren Preis fordern. Luftangriffe sind dort nicht möglich ohne schwerste Verluste in der Zivilbevölkerung. Und vor allem ist die Einnahme der Stadt – wie in Kobane – an kampfstarke und motivierte Bodentruppen gebunden. In Washington wird bereits mit fadenscheinigen Begründungen hantiert, wie der dann wahrscheinlich notwendige Einsatz von US-Bodentruppen erklärt werden soll: Als Berater? Oder Spezialkräfte, die sich nach geschlagener Schlacht sofort wieder zurückziehen? Da drängt sich ein Rückblick auf die Anfänge des US-Engagements in Vietnam auf – mit Beratern, die schnell zu Kampftruppen wurden.

Solches Nachdenken sollte ernsthaft vor einem westlichen Eingreifen in Libyen stehen. Luftangriffe mögen wesentlich zum Sturz des Diktators Gadhafi beigetragen haben. Einen demokratischen Aufbau garantierten sie so wenig, wie es die Invasion gegen Saddam in Irak vermocht hatte. Und die Reaktion der arabischen Bevölkerung in diesen Ländern war bei allem militärischen Erfolg des Westens nie von dankbarer Freude, sondern meist von Enttäuschung über die politischen Folgen der westlichen Interventionen gekennzeichnet.

Eine letzte Warnung, die vor einem Militäreinsatz in Libyen stehen muss: Er bremste die Massenflucht nicht, sondern heizte sie an. Egal, ob die EU sich endlich zu einer fairen Regelung über die gerechte Verteilung von Flüchtlingen durchringen kann.

walter.brehm@tagblatt.ch