Kein Ende des Sterbens

Die Gewalt des syrischen Regimes gegen die Opposition hat das Siedlungsgebiet der Alawiten erreicht, zu denen auch Präsident Assad gehört. Auch Tausende Palästinenser flüchten aus Latakia.

Walter Brehm
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Still aus einem Amateurvideo, das syrische Panzer im zerstörten Palästinenserlager Al-Ramleh in der Küstenstadt Latakia zeigen soll. (Bild: ap)

Still aus einem Amateurvideo, das syrische Panzer im zerstörten Palästinenserlager Al-Ramleh in der Küstenstadt Latakia zeigen soll. (Bild: ap)

Die syrische Küstenstadt Latakia steht seit Tagen im Zentrum der syrischen Armee-Offensive gegen die Opposition. Die Angriffe auf die Stadt erfolgen zu Lande mit Panzern und Raketenwerfern und aus den Küstengewässern des Mittelmeeres mit der Bord-Artillerie syrischer Kriegsschiffe.

«Wer bleibt, ist ein Saboteur»

Im seit Tagen anhaltenden Dauerbeschuss der Stadt sollen bisher mindestens 50 Menschen getötet worden sein. Wie immer gibt es dafür keine unabhängige Bestätigung, weil das Regime in Damaskus eine unabhängige Berichterstattung verhindert.

Aktivisten der Opposition berichten: «Den Leuten wurde befohlen, ihre Häuser zu verlassen. Die Armee betrachte jeden, der bleibt, als Saboteur.» Tausende Bewohner seien im Fussballstadion der Stadt zusammengetrieben worden. Einige Viertel der Stadt sind mehrheitlich von Alawiten bewohnt, jener schiitischen Sekte, der auch der Clan des Präsidenten angehört. Dies dürfte ein Hauptgrund der Wut des Regimes darüber sein, dass sich in der «Hauptstadt der Alawiten» seit Beginn des Ramadans täglich an die zehntausend Angehörige der sunnitischen Bevölkerungsmehrheit zum Protest auf die Strassen gewagt hatten.

«Verbrechen gegen Menschheit»

Die blutige Offensive gegen Latakia entlarvt zudem eine der wichtigsten Legitimationen des syrischen Regimes als Lüge. Jene, dass Präsident Assad ein wichtiger Garant der Stabilität im Nahen Osten und Schutzmacht der Palästinenser sei. Am heftigsten sollen die Angriffe der Armee den Vorort Al-Ramleh getroffen haben, in dem auch ein grosses palästinensisches Flüchtlingslager liegt. Mehr als die Hälfte der zuvor 10 000 Bewohner dieses Lagers sollen auf der Flucht sein. «Wir wissen nicht, wo diese Menschen jetzt sind: Das ist sehr beunruhigend», sagt Christopher Gunnes vom UNO-Hilfswerk für palästinensische Flüchtlinge.

Jasser Abed Rabbo, Generalsekretär der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), hat das Vorgehen der syrischen Armee unumwunden als Verbrechen gegen die Menschheit bezeichnet. Al-Ramleh ist eines von zwölf Flüchtlingslagern in Syrien. Insgesamt leben 460 000 palästinensische Flüchtlinge im Land.

Proteste erreichen Damaskus

Das immer rücksichtslosere Vorgehen der Armee dürfte seinen Grund auch darin haben, dass die Proteste gegen das Assad-Regime inzwischen auch die Vororte der bisher weitgehend ruhigen Hauptstadt Damaskus erreicht haben. Auch dort sind, laut Informationen der in London ansässigen Beobachter-Stelle für Menschenrechte in Syrien, nun Einheiten der Armee einmarschiert.

«Intelligente Sanktionen»

Derweil will der UNO-Sicherheitsrat in den kommenden Tagen erneut diskutieren, wie der Druck auf das Assad-Regime erhöht werden könnte. Die syrische Opposition fordert keine internationale Militärintervention. Amr al-Sadek, einer ihrer Sprecher, sagt: «Wir brauchen intelligente Sanktionen. Zum Beispiel einen Stop syrischer Öllieferungen nach Europa oder der Waffenlieferungen aus Russland. Denn damit finanziert und alimentiert das Regime seine Soldateska. Psychologisch wichtig wäre zudem eine klare Aussage der UNO, dass Assad gehen muss.» Aber diese Klarheit scheuen bisher die Vetomächte USA, Russland, China, Grossbritannien und Frankreich.

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