Karadzic: «Ich habe von Srebrenica nichts gewusst»

WIEN. Angriff ist die beste Verteidigung: Der wegen Völkermords angeklagte bosnische Ex-Serbenführer Radovan Karadzic beteuert wortreich seine Unschuld. Vom Massaker in Srebrenica will er gar nichts gewusst haben.

Rudolf Gruber
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Radovan Karadzic Früherer bosnischer Serbenchef (Bild: ap)

Radovan Karadzic Früherer bosnischer Serbenchef (Bild: ap)

WIEN. Angriff ist die beste Verteidigung: Der wegen Völkermords angeklagte bosnische Ex-Serbenführer Radovan Karadzic beteuert wortreich seine Unschuld. Vom Massaker in Srebrenica will er gar nichts gewusst haben.

«Das serbische Volk angeklagt»

Selbst das kleinste Detail war Radovan Karadzic wichtig genug, um seine Haut zu retten. Am Mittwoch und gestern las er dem Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag insgesamt zehn Stunden lang ein 874 Seiten starkes Konvolut vor, das über weite Strecken einem politischen Vortrag über den Bosnienkrieg (1992-95) glich und weniger einem Schlusswort zu seiner Verteidigung.

Zuweilen klang es wie auf einer Wahlkundgebung: «Nicht ich bin hier angeklagt», versuchte er das Gericht zu überzeugen, «sondern das serbische Volk», das er als ehemaliger Präsident der bosnischen Serbenrepublik repräsentiert habe. «Die Anklage kennt die Wahrheit» polterte Karadzic, «aber sie versucht, das Tribunal zu täuschen.» Es gebe «nicht den geringsten Beweis» für einen Schuldspruch. Nicht einmal ein Vergleich seines Prozesses mit der legendären Dreyfus-Affäre Ende des 19. Jahrhunderts schien Karadzic zu kühn.

«Lügner und Verbrecher»

Anfang der Woche nannte Tribunal-Ankläger Alan Tieger in seinem Schlussplädoyer Karadzic die treibende Kraft der Politik der «ethnischen Säuberung», seine Schuld an den Verbrechen im Bosnienkrieg sei erwiesen. Tieger forderte für den 69jährigen Angeklagten lebenslange Haft und nannte ihn in Anspielung auf seine bisherigen Aussagen in dem bereits vier Jahre dauernden Prozess nicht weniger als 40mal einen «Lügner und Verbrecher». In seinem Schlusswort zielte Karadzics Strategie darauf ab, in Aussicht auf eine mildere Strafe vor allem den Anklagepunkt Völkermord loszuwerden, der sich auf das Massaker von Srebrenica zu Kriegsende im Juli 1995 bezieht.

«Nur gute Taten hinterlassen»

«Ich habe nicht gewusst, was dort geschehen ist», behauptete Karadzic. Er sei aber bereit, «moralische Verantwortung» zu übernehmen, für die er aber nicht bestraft werden könne. Er habe als politisches Erbe «nur gute Taten» hinterlassen. Ungeachtet der Tatsache, dass die 8000 Ermordeten nach der Einnahme der damaligen UNO-Schutzzone Srebrenica ausschliesslich moslemische Bosniaken waren, wollte Karadzic dem Gericht weismachen: «Ich war wirklich ein wahrer Freund der Moslems.»

Sein Pflichtverteidiger Peter Robinson, den der Selbstverteidiger Karadzic lediglich als Rechtsberater akzeptiert hatte, sagte aus: Es gebe keinen einzigen Zeugen, der ausgesagt hat, dass Radovan Karadzic die Exekution von Gefangenen geplant, befohlen oder auch nur davon gewusst habe. Die Ereignisse in Srebrenica «wurden ihm verheimlicht». Sollte er deshalb schuldig gesprochen werden, «verurteilen Sie einen unschuldigen Mann».

Urteil lässt auf sich warten

Mit dem Urteilsspruch wird erst Ende 2015 gerechnet. Der Prozess gegen Karadzics Armeechef Ratko Mladics verläuft parallel zum Karadzic-Verfahren. Die nächsten Monate könnten noch zu einem Duell wechselseitiger Schuldzuweisungen der beiden Angeklagten ausarten. Mladic hatte sich bereits in einer Zeugenaussage geweigert, zugunsten seines ehemaligen Präsidenten auszusagen.