Kapitalisten und Gläubige

Unterwegs in Bayern, das am Wochenende wählt. In ehrwürdigen Städten und an Wallfahrtsorten, und in einem ehemaligen Konzentrationslager. Denn Bayern: Das ist auch die erste Bastion der Nazis gewesen.

Rolf App
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AUGSBURG. Draussen ist es heiss, hier drinnen kühl. Presslufthämmer rattern vor der Kirche, ihr Inneres ist exquisit, schönste Renaissance. Hier im Kloster von St. Anna liegt Jakob Fugger, der reichste Mann seiner Zeit. Seine Ehe war unglücklich, aber seine Geschäfte liefen gut, lange Arbeitstage verbrachte er im Büro. Alle brauchten Geld in diesem prunkversessenen 16. Jahrhundert. Kaiser und Könige, Bischöfe und Städte, auch der Papst. Als Jakob Fugger 1525 starb und in einem einfachen Fichtensarg begraben wurde, flankiert von zwei lustigen Putten, da hinterliess er ein Imperium. Mit einem Netz von Handelsniederlassungen quer durch Europa. Mit Bergwerken, in denen Silber und Kupfer geschürft wurden zum Ruhm von Europas erstem Frühkapitalisten. Ruhm? Nicht nur die unerwartete Kühle in der schlichten Kirche lässt uns frösteln. Denn das letzte Hemd hat keine Taschen. Jakob Fugger hat das wohl gewusst und die älteste Sozialsiedlung der Welt errichtet, die Fuggerei. Zu einem bescheidenen Mietzins wohnen hier in 67 schmalen Häusern bis heute Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens gelandet sind. Ihre Verpflichtung ist es seit 1521, nebst dem Mietzins, dreimal im Tag für Jakob Fugger zu beten. Ob er sich also nicht doch das Himmelreich kaufen wollte? Und ob in der Fuggerkapelle so nicht ein Grundthema bayrischer Geschichte und Gegenwart deutlich wird: Wie hier, beinahe zwanglos, Macht, Reichtum, Frömmigkeit ineinanderfliessen?

WÜRZBURG. Bevor die Bomben fielen, war da die reinste Pracht. In der Kutsche fuhr man vor zur Würzburger Residenz, ging eine breite Treppe hoch und sah sich dem gemalten Konterfei des Hausherrn gegenüber – und dann vielleicht ihm selbst. Am Rande eines Deckenfreskos, das seinesgleichen sucht, prangt Carl Philipp von Greiffenclau (1690–1754), als Fürstbischof von Würzburg eine einigermassen überschaubare Grösse. Aber als Kunstförderer eine zweifellos grosse Nummer.

Das zeigt sich später in den 350 Zimmern, Sälen, Korridoren seiner Residenz, zuerst aber hier, im Treppenhaus. Auf nicht weniger als 677 Quadratmetern hat Giovanni Battista Tiepolo Menschen, Tiere und Erzeugnisse der vier Erdteile versammelt. Viel Phantasie ist im Spiel. Unter Tiepolos Pinsel wird ein Stier zum Rindvieh, und der Elefant hat die Ohren verkehrt herum. Man kennt die Welt noch nicht richtig, hat aber eine umso blühendere Phantasie. 1753 verlässt Tiepolo Würzburg wieder, kurz zuvor ist mit Balthasar Neumann jener Baumeister gestorben, dem das Fresko wohl sein Überleben verdankt. Am 16. März 1945 werfen britische Flieger mehr als 300 000 Brandbomben ab. 90 Prozent der Altstadt werden zerstört, auch die Residenz wird schwer in Mitleidenschaft gezogen. Brennende Dächer stürzen herab, doch das grosse Gewölbe hält.

BAMBERG. Das nicht weit entfernte Bamberg bleibt verschont. Nicht auszudenken, was Bomben in den mittelalterlich krummen Gassen angerichtet hätten. Mehr noch: auf dem Burgberg mit dem tausendjährigen Dom, ein schlichter, aber umso eindrücklicherer Kirchenbau, dessen Halbdunkel etwas sehr Geheimnisvolles ausstrahlt. Am reich geschmückten Fürstenportal wartet Jesus als Weltenrichter, die Toten steigen empor zum Jüngsten Gericht. Hinten in der Kirche, rätselhaft schön, der Bamberger Reiter. Auf dem Vorplatz haben die Nazis ihre Aufmärsche veranstaltet – und den Bamberger Reiter schon mal ideologisch gen Osten geschickt. Wofür die Statue mit ihrer ganz eigenen Aura nichts kann.

REGENSBURG. Die Donau ist Bayerns Lebensader, bei Regensburg ist sie bereits zum stattlichen Fluss geworden. Weiter gegen Osten, in Passau und schon fast an Bayerns Grenze, vereinigt sie sich dann mit Inn und Ilz. Wasser ist Transportweg, doch Wasser muss auch überwunden werden. Zwischen 1135 und 1146 wird hier bei Regensburg ein Höhepunkt mittelalterlicher Ingenieurskunst erreicht. Die imposante Steinerne Brücke hat seither alles überstanden: diverse Belagerungen, den Autoverkehr (bis sie für die Fussgänger reserviert wird) und einen Sprengversuch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs.

Den schönsten Blick auf die Stadt hat man von der anderen Seite der Donau, wo sich gerade ein Hochzeitspaar vor einem der idyllischen Brückenpfeiler ablichten lässt. Wohntürme ragen in die Höhe, heute oft von Studenten bewohnt. Breite Paläste drücken Macht und Prestigebedürfnis aus. Im Alten Rathaus der Freien Reichsstadt versammeln sich zwischen 1663 und 1806 die Gesandten der Fürsten und Städte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Ab und an kommen Fürsten, Könige und Kaiser zusammen samt Gefolge – eine gute Gelegenheit, klingende Münze zu ernten.

Regensburgs Glück liegt allerdings nicht in seinem Reichtum, sondern in der Armut. Mit der Auflösung des Reichs im Jahr 1806 fällt die Stadt in eine Art Dornröschenschlaf. Langsam bröckeln die mächtigen Gebäude vor sich hin, bewohnt oft von alten Leuten. Niemand hat Geld für aufwendige Renovationen, niemand will Häuser oder ganze Viertel abreissen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es ein paar Neubauprojekte, die aber von Initiativgruppen erfolgreich bekämpft werden. Seit 1973 wird Regensburg behutsam restauriert – und ist so zum Schmuckstück geworden.

ALTÖTTING. Der Bahnhof macht wenig her, sind wir hier wirklich richtig? Vermutlich kommen die Gläubigen mit dem Car. Oder mit dem Velo. Sie werden die Gnadenkapelle mit ihrer schwarz-silbernen Madonna schon finden. Wie geduckt steht sie in einem Kreis von Klöstern, Heimen, Kirchen, Restaurants und Andenkenläden. Andachtsvolle Stille herrscht in der Kapelle. Bis hinauf ins Dach sind Votivtafeln angebracht, draussen bedecken sie alle Wände. Sie danken der Madonna, wenn sie geholfen hat, oder bitten um ihre Unterstützung.

Die Gnadenkapelle ist die Herzkammer des bayrischen Katholizismus, seit hier im Jahr 1489 ein dreijähriger Bub in einen Bach gefallen und, angeblich tot, in die Kapelle getragen worden ist. Und dann, vor der Madonna, die Augen aufgeschlagen hat. Seither ist für Pilger aus aller Welt kein Halten mehr.

DACHAU. Eintritt in eine andere Welt. Nicht weit ist es von der Münchner Betriebsamkeit nach Dachau, ein paar Stationen nur mit der Vorortsbahn. Stacheldraht markiert den Weg, den die Gefangenen zu gehen hatten. Das ehemalige Konzentrationslager ist jetzt eine Gedenkstätte. Gruppen Jugendlicher schwärmen aus, bedrückt lesen sie Informationstafeln, hören sich von Tondukumenten die Erlebnisse Überlebender an. Sie überqueren die grosse Fläche, auf der einst die Baracken für bis zu 60 000 Häftlinge standen. Und kommen zuletzt zum Krematorium. Stille herrscht, man könnte eine Stecknadel zu Boden fallen hören.

Dachau - vista del viale alberato e della cappella cattolica (Bild: (44251148))

Dachau - vista del viale alberato e della cappella cattolica (Bild: (44251148))

Bayern, zwischen Pracht und Entsetzen: Das stolze Regensburg von der Donau her, Jakob Fuggers Begräbnisstätte in Augsburg, das ehemalige Konzentrationslager Dachau. (Bilder: R. A.)

Bayern, zwischen Pracht und Entsetzen: Das stolze Regensburg von der Donau her, Jakob Fuggers Begräbnisstätte in Augsburg, das ehemalige Konzentrationslager Dachau. (Bilder: R. A.)