KANZLERKANDIDATEN: Nicht nur Lacher für die Spasspartei

«Warum nicht mal ein Türke?», fragt «Die Partei» - und schickt den türkischstämmigen Comedian Serdar Somuncu als Kanzlerkandidaten ins Rennen. Die Satirepartei sorgt inzwischen für heftige Debatten.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Polarisierender Kanzlerkandidat: Deutschtürke und Comedian Serdar Somuncu (49). (Bild: Alexander Becher/EPA (Berlin, 12.August 2017))

Polarisierender Kanzlerkandidat: Deutschtürke und Comedian Serdar Somuncu (49). (Bild: Alexander Becher/EPA (Berlin, 12.August 2017))

Christoph Reichmuth, Berlin

Serdar Somuncu ist vielen aus dem TV bekannt. Als «Hassprediger» hat der in Istanbul aufgewachsene Deutschtürke und Comedian schon jede Minderheit aufs Gröbste beleidigt. Nun kandidiert der 49-Jährige für die Satirepartei Die Partei als Kanzlerkandidat. Chef der Satirepartei ist der ehemalige Chefredaktor der Satirezeitschrift «Titanic» und heutige Abgeordnete des Europaparlaments, Martin Sonneborn. Mit bescheidenem Budget generiert die Kleinpartei durch mehr oder weniger originelle Aktionen hohe Aufmerksamkeit im Bundestagswahlkampf: Unter anderem haben Mitglieder der Partei diverse in rechtskonservativen Kreisen beliebte Facebook-Gruppen gekapert und diese kurzerhand umbenannt. Aus der patriotischen Gruppierung «Heimat-liebe» wurde so plötzlich die «Humusliebe».

Humor ist bekanntlich Geschmacksache. Nicht alle finden lustig, wofür die «Spasspartei» einsteht. Deren Programm für die Bundestagswahlen liest sich nicht wie ein Rezept für die Zukunft des Landes, sondern wie ein kurioser Forderungskatalog: Managergehälter sollen an BH-Grössen angepasst, die Bierpreisbremse eingeführt und «der Irre vom Bosporus» – Türkei-Präsident Recep Tayyip Erdogan – nach Deutschland gelockt, eingekerkert und gegen den in türkischer Haft einsitzenden Journalisten Deniz Yücel ausgetauscht werden.

«Elitär, burgeois und amoralisch»

Geharnischte Reaktionen löste die Partei kürzlich mit einem Plakat aus, das als Replik auf Merkels Wahlkampfslogan – «Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben» – gedacht war. Über das weltberühmte Foto des an einem türkischen Strand liegenden, toten Flüchtlingskindes Aylan Kurdi titelte die Partei: «Für einen Strand, an dem wir gut und gerne liegen.»

Freilich sehen sich die Satiriker selbst in der Rolle der unbequemen Konkurrenten. Das Bild des toten Flüchtlingskindes sollte die Aufmerksamkeit auf das Schicksal Hunderttausender auf der Flucht befindlicher Menschen lenken, der Verweis auf die Managergehälter spielt auf überbordende Löhne in den Chefetagen der Grosskonzerne an, die Bierpreisbremse lehnt sich an die Mietpreisbremse an und macht so indirekt die stetig steigenden Wohnkosten zum Thema. Nichtsdestotrotz: Die Partei hat kein wirkliches Rezept für die Wahlen – und polarisiert gerade deshalb.

Die linke Tageszeitung «Taz» etwa hält die Kandidatur der Spasspartei für gefährlich. Unter dem Titel «Elitär, bourgeois und amoralisch» kommt der Autor zu dem Fazit, dass wer seine Stimme der Partei gebe, der umstrittenen Alternativen für Deutschland (AfD) den Einzug ins Parlament erleichtere. Anstatt für Parteien zu votieren, die tatsächlich Konzepte für das Land anzubieten hätten, binde die Satirepartei durch «Psychowitze und Politklamauk» wichtige Stimmen. «Mit solchen Schnupis ist kein Staat zu machen», schreibt der Autor und räsoniert mit Blick auf den wahrscheinlichen Einzug der AfD in den Bundestag: «Neonazis kommen ins Parlament, und linken Spassböllchen fällt nichts Besseres ein, als eine Spasspartei zu wählen?» Eine andere Zeitung empört sich: «Frei von irgendwelchen konstruktiven Ansätzen zelebriert diese elitäre Gesellschaft ihre eigene Resignation und perfektioniert ihre Jovialität, alles, aber auch alles verachten zu dürfen und verpulvert damit obendrein Hunderttausende Euro an staatlichen Zuschüssen.»

Probleme durch Überspitzung aufzeigen

Andere Kommentatoren stellen sich hinter die Satirepartei. Diese mache auf ihre ganz eigene Art «den drögen Politikerbetrieb bunt» und bereichere diesen dadurch. Die etwa 25000 Mitglieder zählende Satirepartei dürfte es vermutlich nicht in den Bundestag schaffen. Wie stark die Comedians bei der Wahl abschneiden, ist für sie dennoch relevant. Denn ab einer bestimmten Anzahl Stimmen erhält die Partei, die 2014 bei der Europawahl mit dem Erringen eines Abgeordnetensitzes ihren bislang grössten Erfolg feierte, staatliche Zuschüsse in beträchtlicher Höhe.

Kanzlerkandidat Somuncu weist den Vorwurf zurück, seine Partei stehe für keine politischen Inhalte und binde unnötig wichtige Wählerstimmen: «Als Satiriker ist es wichtig, bestimmte Probleme durch Überspitzung aufzuzeigen.» Dann fügte er hinzu: «Sollte ich den Einzug in den Bundestag nicht schaffen, bin ich über alle Berge und kokse.»

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