«Einmal streicheln»
Kanzlerin Angela Merkel und das weinende Flüchtlings-Mädchen

Ein Flüchtlingsmädchen aus Palästina hat Angst davor, abgeschoben zu werden. Kanzlerin Angela Merkel erklärt ihr, dass nicht alle Asylsuchenden in Deutschland bleiben können. Später bricht das Mädchen in Tränen aus.

William Stern/watson.ch
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Es ist ein Dialog zum Fremdschämen, zum Vergessen und zum sich ins tiefste Loch verkriechen. Es ist ein Dialog, der einen endgültig mit dem Gewäsch von Politikern brechen lässt. Es ist ein Dialog, der die Diskrepanz zwischen Politik und echter Welt deutlich macht, vor allem aber ist es ein Dialog, der schonungslos offen legt, wie wenig Menschlichkeit vorhanden ist, wenn Politiker über die «Flüchtlingsproblematik» diskutieren.

Merkel: «Es tut mir Leid, aber ...»

Wobei es sich streng genommen nicht um einen Dialog handelt, sondern um ein Mädchen, das einer erwachsenen Frau ihre Sorgen klagt und der erwachsenen Frau, die dem Mädchen versichert, dass man seine Sorgen nicht ernst nimmt, sondern dass es eigentlich die Wähler mit ihrer Angst vor Asylbewerbern sind, die es zu schützen gilt.

«Ich hab' ja auch Ziele, so wie jeder andere, (...) und es ist sehr unangenehm, zuzusehen, wie andere das Leben geniessen können und man es selber halt nicht, äh, mitgeniessen kann», erzählt Reem, ein vielleicht 13-jähriges Mädchen, das vor vier Jahren mit seiner Familie aus einem palästinensischen Flüchtlingslager nach Deutschland kam und jetzt vor der Abschiebung steht, bei einem Gespräch von Schülern mit der deutschen Bundeskanzlerin.

Angela Merkel versteht das gut, ungemein gut, ganz ganz viel Verständnis bringt die deutsche Bundeskanzlerin auf für die Schwierigkeiten, Ängste und Hoffnungen und auch für die Träume, die in diesem Moment im Kopf von Reem gerade zerstäuben: «Hm, ich verstehe das, und ähm, dennoch, muss ich jetzt, und das ist manchmal hart, Politik, wenn du jetzt vor mir stehst und du bist ja ein unheimlich sympathischer Mensch, aber du weisst auch, in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon gibt es noch Tausende und Tausende und wenn wir jetzt sagen, ihr könnt alle kommen, und ihr könnt alle aus Afrika kommen, alle kommen, das können wir auch nicht schaffen», stammelt die CDU-Frau – währenddessen blickt eine Schar von jungen Schülern und Schülerinnen, Freunde von Reem, die Kanzlerin erwartungsvoll an.

Aber eben, alle können nicht kommen, Merkel muss diesen 11- bis 15-Jährigen erklären, dass Deutschlands Aufnahmefähigkeit begrenzt ist, dass in dem Land mit dem Bruttoinlandsprodukt von knapp 3000 Milliarden Euro und einer Bevölkerungsdichte von 227 Menschen pro Quadratkilometer kein Platz ist für Reem und dass Reem und ihre Familie deshalb leider leider in eines der 12 palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon zurück müssen, wo 450'000 Menschen seit Jahren unter zum Teil prekären Bedingungen leben, in das Land, das auf Platz 65 des Human Development Index liegt und das vier Jahre nach Ausbruch des Syrien-Krieges über eine Million Flüchtlinge aus dem Nachbarland beherbergt.

Merkel hilflos überfordert

Aber Merkel findet tröstende Worte für Reem, die seit vier Jahren mit ihrer Familie in Rostock lebt: «Die einzige Antwort, die wir sagen, ist, bloss nicht so lange, dass es bloss nicht so lange dauert, bis die Sachen entschieden sind.»

Dann verliert sich die Bundeskanzlerin in ein paar technischen Details von Asylfragen, bis das Mädchen schliesslich in Tränen ausbricht. Mit einem jovialen Lächeln tätschelt sie der Jugendlichen den Rücken und ermuntert sie: «Du hast das doch prima gemacht». Als hätte Reem soeben ihren Auftritt als kleine Elfe in einem Schultheater vermasselt, bei dem alle Verwandten und der Schwarm im Publikum sitzen. Freundlich weist der Moderator die Kanzlerin darauf hin, dass Reem vielleicht deswegen von Emotionen überwältigt wird, weil ihre Situation so belastend ist. «Das weiss ich doch», blafft Merkel in Richtung Moderator, «und deswegen möchte ich sie jetzt einmal streicheln.»

Sommaruga haut in die gleiche Kerbe

Die Lösung nach Merkel ist, dass es gar nicht erst zu dieser Situation kommt. Beschleunigte Asylverfahren sollen dafür sorgen, dass es sich die Menschen nicht zu gemütlich machen in Deutschland, so dass die Fallhöhe, wenn man anschliessend einen negativen Bescheid in der Hand hält, nicht allzu gross ist.

Wer sich nicht an den Luxus von fliessendem Wasser, vollen Geschäftsregalen, einer Ausbildung, funktionierendem Gesundheitssystem, einem funktionierenden Rechtsstaat und der Sicherheit von Leib und Leben gewöhnt, der ist dann auch nicht so traurig, wenn er zurück ins Ghetto muss. Merkel sagt das natürlich nicht so, auch Simonetta Sommaruga, die eine Beschleunigung der Asylverfahren in der Schweiz vorantreibt, sagt das nicht so, aber in der Konsequenz läuft es darauf hinaus.

Natürlich gibt es einfachere Aufgaben für eine Politikerin, als einem kleinen Mädchen zu erklären, dass sein Leben vielleicht von heute auf Morgen eine 180-Grad-Wende macht mit allen negativen Begleiterscheinungen, ohne dass wirklicher Handlungsbedarf bestehen würde.

Vielleicht sollten die Politiker gerade deshalb den Dialog nicht mit 12-jährigen Flüchtlingskindern, sondern mit der eigenen Bevölkerung, mit den eigenen Stimmbürgern suchen und ihnen erklären: «Ja, ich verstehe dich, ich verstehe deine Ängste und Sorgen, aber es ist leider so, dass ein 12-jähriges Mädchen wieder zurückgeschickt werden muss, falls dir dein kleines bisschen an Luxus, auf dass du womöglich verzichten muss, tatsächlich wichtiger ist als ein Menschenleben.»

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