Kandidaten sollten helfen

Gestern ging es dann plötzlich doch schnell. Wenige Stunden vor einem anberaumten Spitzentreffen von Präsident Bush mit seinen potenziellen Nachfolgern Barack Obama und John McCain einigten sich Demokraten und Republikaner auf ein Hilfspaket für die angeschlagene Finanzbranche.

Thomas Spang, Washington
Drucken
Teilen
Müssen Überzeugungsarbeit leisten: US-Finanzminister Paulson und Notenbankchef Bernanke vor einer Kongressanhörung. (Bild: ap/Susan Walsh)

Müssen Überzeugungsarbeit leisten: US-Finanzminister Paulson und Notenbankchef Bernanke vor einer Kongressanhörung. (Bild: ap/Susan Walsh)

Gestern ging es dann plötzlich doch schnell. Wenige Stunden vor einem anberaumten Spitzentreffen von Präsident Bush mit seinen potenziellen Nachfolgern Barack Obama und John McCain einigten sich im Kongress Demokraten und Republikaner grundsätzlich auf ein Hilfspaket für die angeschlagene Finanzbranche.

Zuvor wurde aber, insbesondere von Präsidentschaftskandidat McCain, ein bisschen Wahlkampf betrieben – oder eben nicht. Sein Entscheid, den Wahlkampf wegen der Finanzkrise auszusetzen, hat in den USA die Geister geschieden.

Fernseh-Spassvogel David Letterman jedenfalls fand es überhaupt nicht lustig, dass der Kandidat bei ihm abgesagt hat. Minutenlang zieht der düpierte Mitternachts-Talker über McCain her, der ihn am Nachmittag mit der Begründung versetzte, er werde nun zur Lösung der Finanzkrise in Washington gebraucht. «Irgendwas riecht hier nicht richtig», meckert Letterman, der eine Live-Einblendung aus dem CBS-Nachbarstudio in New York macht. Dort räsoniert der Kandidat in den Abendnachrichten mit Katie Couric über seine Entscheidung, notfalls auch die erste Präsidentschaftsdebatte in Oxford, Mississippi, ausfallen zu lassen. «Hey John, ich habe eine Frage», faucht Letterman, in dessen Show McCain seine Kandidatur für das Präsidentenamt angekündigt hatte. «Brauchst Du eine Fahrt zum Flughafen?» Tatsächlich übernachtete McCain in New York, nahm dort gestern morgen noch an einer Konferenz teil und wurde erst für den späten Nachmittag zum Krisentreffen bei Präsident Bush erwartet.

Bush mahnte zu Eile

Während die Nachrichtenagenturen bereits melden, eine Vereinbarung zwischen dem Weissen Haus und dem Kongress über das 700-Milliarden-Rettungspaket sei so gut wie im trockenen, redet McCain immer noch über die Präsidentschaftsdebatte. «Ich kann meinen Wahlkampf nicht weiterführen und so tun, als ob diese gefährliche Situation nicht existierte.»

Er knüpfte damit an die Warnung Bushs in seiner Rede an die Nation an, in der er den Kongress drängte, rasch zu handeln. «Unsere ganze Wirtschaft ist in Gefahr», sagte der Präsident, von dem in den letzten zehn Krisen-Tagen wenig zu sehen war. Es drohe sonst «finanzielle Panik» und eine «lange und schmerzhafte Rezession». Bush lud die beiden Präsidentschaftskandidaten sowie führende Kongresspolitiker beider Parteien zu Gesprächen ins Weisse Haus ein, um den Rettungsplan voranzutreiben. Finanzminister Paulson und Notenbankchef Bernanke hatten in Kongressanhörungen die Gesetzgeber ebenfalls vor einer schweren Bedrohung der US-Wirtschaft gewarnt und für eine rasche Einigung zwischen Demokraten und Republikanern plädiert.

Barack Obama reagierte gelassen auf McCains Ankündigung, den Wahlkampf auszusetzen. Er sehe keinen Grund, die Debatte abzusagen. «Genau jetzt ist die Zeit, in der die Amerikaner etwas von der Person hören müssen, die in 40 Tagen die Verantwortung für dieses Schlamassel übernehmen muss», sagte er. «Es wird die Aufgabe eines Präsidenten sein, zwei Dinge zur gleichen Zeit zu machen.»

«Verzweifelt und verrückt»

Obama stellte auch noch klar, dass von ihm am Mittwochmorgen die Initiative ausgegangen war, mit einem gemeinsamen Appell an die Kollegen im Kongress für Bewegung bei den Gesprächen über das Rettungspaket zu sorgen. McCain rief Obama dann zurück und begrüsste die Idee, um kurz darauf ohne Abstimmung vor die Kameras zu eilen.

Experten werteten den Entscheid McCains als «gewagtes Spiel» und als Versuch, angesichts eines wachsenden Rückstands in Umfragen Boden gutzumachen. Oder als Ablenkungsmanöver von den Enthüllungen um Wahlkampfmanager Rick Davis, dessen Firma bis August noch monatlich 15 000 Dollar an Lobby-Gebühren der verstaatlichten Hypothekarbank Freddie Mac kassiert hatte. Die «Washington Post» zitiert republikanische Strategen mit den Worten «verzweifelt und verrückt» oder «Das verstehe ich nicht». Grosses Aufsehen erregt eine Kolumne des konservativen Kommentators George Will, der McCains impulsiven Charakter hinterfragt. Die relative Unerfahrenheit Obamas sei mit Erfahrung zu beheben. «Kann ein erschreckendes Temperament in Ordnung gebracht werden?»

Aktuelle Nachrichten