Kanada wählt die liberale Mitte

Die Liberalen haben bei den Parlamentswahlen in Kanada überraschend deutlich gewonnen. Der konservative Premierminister Stephen Harper ist somit abgewählt. Designierter Nachfolger ist der 43jährige Justin Trudeau.

Bernadette Calonego
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Der liberale Wahlsieger und designierte kanadische Premierminister Justin Trudeau mit seiner Frau Sophie Grégoire. (Bild: ap/Sean Kilpatrick)

Der liberale Wahlsieger und designierte kanadische Premierminister Justin Trudeau mit seiner Frau Sophie Grégoire. (Bild: ap/Sean Kilpatrick)

VANCOUVER. Kanada ist politisch wieder in die Mitte gerückt. Nach neun Jahren konservativer Politik hat eine Mehrheit der Stimmbürger den amtierenden Premierminister Stephen Harper in die Wüste geschickt. Sie entschieden sich mit einer von niemandem erwarteten Klarheit für die Liberale Partei. Deren Vorsitzender und designierter Premierminister Kanadas, der 43jährige Justin Trudeau, erklärte nach dem Wahlsieg unter dem Jubel seiner Anhänger: «Wir haben eine negative, polarisierende Politik mit einer positiven Vision besiegt, welche die Kanadier zusammenbringt.»

Die überwältigende Dominanz der Liberalen bei den Parlamentswahlen ist erstaunlich. Diese einst staatstragende Partei hatte nach Korruptionsskandalen noch vor vier Jahren lediglich 34 Abgeordnete im Parlament. Nun belegen sie 184 von 338 Sitzen, während die Konservativen nur auf 99 Mandate kommen.

In ganz Kanada war in der Bevölkerung seit Wochen ein äusserst starker Wunsch nach einer Veränderung spürbar gewesen. Besonders an der Person Stephen Harpers, seiner Kontrollwut und Geheimniskrämerei, seiner Verachtung für das Parlament und die Gerichte, hatten sich viele Debatten entzündet. Harper hatte sich in weiten Kreisen mit seiner Politik der Spaltung unbeliebt gemacht. Er ist nach der Wahlniederlage nun als Vorsitzender der Konservativen Partei zurückgetreten.

Vater war schon Premier

Der ehemalige Theater- und Snowboardlehrer Justin Trudeau ist das pure Gegenteil von Harper: leutselig, offen, positiv in seinen Reden. «Er bewegte sich durch die Menschenmenge wie jemand, der ganz locker in einem See schwimmt», schrieb der Journalist Ian Brown in der Zeitung «The Globe and Mail». Der Politiker scheint dieselbe Bewunderung zu erregen wie sein verstorbener Vater, der legendäre Ex-Premierminister Pierre Elliott Trudeau. Justin Trudeau besitzt auch dessen Selbstdisziplin und Intelligenz. Der älteste von drei Trudeau-Söhnen schaffte es, die Liberale Partei zu einen und auf Vordermann zu bringen.

Die Wende im Wahlkampf kam, als Trudeau vorschlug, in den kommenden Jahren Milliarden in die angeschlagene Wirtschaft zu investieren und dafür auch ein Defizit zu riskieren. Ihm schwebt ein demokratischeres, offeneres und umweltfreundlicheres Kanada vor. Im Innern will er das Wahlrecht und die zweite Parlamentskammer reformieren. Er versprach auch, den Konsum von Marihuana zu entkriminalisieren. Und statt Steuergeschenke an die Ölindustrie und die Wohlhabenden zu machen, will er die Steuerlast der Durchschnittsverdiener reduzieren und die Reichen mehr zur Kasse bitten. Trudeau hat sich bislang als Mann der Mitte gezeigt: Er ist beispielsweise nicht grundsätzlich gegen Ölpipelines, aber für eine striktere Überprüfung der Bedingungen.

Für progressive Klimapolitik

Trudeau will sein Land auf der internationalen Bühne auch besser repräsentieren als sein Vorgänger. So will er das erkaltete Verhältnis zu den USA verbessern. Im Wahlkampf erklärte er, nach seinem Amtsantritt werde er als erstes US-Präsident Barack Obama anrufen. Trudeau machte auch klar, dass er mit internationalen Organisationen besser zusammenarbeiten will. Auch bei der Umweltpolitik zeigen sich Unterschiede zum Vorgänger: Kanada hatte unter Harper als erstes Land das Kyoto-Abkommen aufgekündigt. Trudeau spricht sich indes für eine progressive Klimapolitik aus. Weiter beabsichtigen die Liberalen, die kanadische Bombardierung der Terrormiliz Islamischer Staat zu beenden, aber Soldaten in Irak noch stärker mit Training zu unterstützen. Sie wollen auch mehr Flüchtlinge aus Syrien ins Land lassen.

Mit Trudeau wird bald ein neues Kapitel am 24 Sussex Drive beginnen, der offiziellen Residenz des Regierungschefs in Ottawa. Hier hat Trudeau schon einmal als Kind gelebt. Hier wird er nun mit seiner Frau Sophie Grégoire, einer früheren Fernsehmoderatorin, und seinen drei Kindern wohnen. Wer Justin Trudeau aber nur an seinem berühmten Vater misst, begeht denselben Fehler wie Harper und seine Parteigänger. Sie unterschätzten den Politiker. Das negative Bild eines unfähigen Strahlemanns, das sie im Wahlkampf von ihm zeichneten, dürfte Trudeau eher geholfen haben. Von da an konnte er die Erwartungen nur noch übertreffen – was er auch getan hat.