Kampf um Erbe des Sängers

Apathie und Gewalt überschatten die Präsidentschaftswahl in Haiti. Trotzdem treten 54 Kandidaten für die Nachfolge des bisherigen Präsidenten und Sängers Michel Martelly an.

Sandra Weiss
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Wahlveranstaltung in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince für den Kandidaten Jude Célestin, der laut Umfragen als Favorit für die Präsidentschaft gilt. (Bild: ap/Dieu Nalio Chery)

Wahlveranstaltung in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince für den Kandidaten Jude Célestin, der laut Umfragen als Favorit für die Präsidentschaft gilt. (Bild: ap/Dieu Nalio Chery)

PUEBLA. Fünf Jahre nach dem schweren Erdbeben sollen morgen Wahlen Haiti auf den Pfad der Stabilität und des Wachstums führen. Wegen eines Konflikts zwischen dem bisherigen Präsidenten Michel Martelly und der Opposition fanden seit 2011 keine Wahlen mehr statt; der Staatschef regierte per Dekret. Das hoffen zumindest die Geberländer, die seit 2004 im Rahmen der UNO-Stabilisierungs-Mission (Minustah) und der Wiederaufbauhilfe nach dem Erdbeben 2010 den Karibikstaat mit mehr als fünf Milliarden US-Dollar unterstützt haben.

Angst vor erneuter Gewalt

Ob das gelingt, ist fraglich. Bereits die erste Runde der Parlamentswahlen im August, die mit vier Jahren Verspätung stattfand, wurde von gewaltsamen Zwischenfällen und Betrugsvorwürfen überschattet. Unter den Kandidaten waren zahlreiche Kriminelle; 14 wurden schliesslich von der Wahl ausgeschlossen. Nur 18 Prozent der Wahlberechtigten haben damals überhaupt ihre Stimme abgegeben, Wahllokale wurden von politisch motivierten Schlägertrupps verwüstet oder in Brand gesteckt. «Hoffentlich war dies der Regierung eine Lehre und die Wahlen werden nun besser überwacht», sagt Mark Schneider, Vizepräsident und Haiti-Experte der International Crisis Group.

Marie-Yolene Gilles vom Nationalen Netzwerk für Menschenrechte hingegen hat nur wenig Hoffnung: «Wir behaupten zwar, wir seien eine Demokratie, aber uns fehlen die Wähler, denn die interessieren sich nicht dafür.»

Nur drei valable Kandidaten

Der Nachfolger des exzentrischen Sängers und rechtsliberalen Präsidenten Michel Martelly wird es nicht einfach haben. Dennoch bewerben sich 54 Kandidaten unterschiedlichster Couleur dafür. Die wenigsten können auf eine solide Partei zählen, ein ordentliches Programm oder realistische Vorschläge hat kaum einer.

Ausnahmen sind die Ärztin Maryse Narcisse von «Lavalas», der Partei des linken Ex-Präsidenten Jean-Bertrand Aristide, und der ehemalige Bauminister Jude Célestin, der ebenfalls aus dem Umfeld Aristides stammt. Ebenfalls hoch gehandelt wird Martellys Kronprinz, Jovenel Moise. Der gilt als unternehmerfreundlich und US-nah, leidet jedoch unter dem Prestigeverlust Martellys, der zwar viel Geld in PR-Kampagnen gesteckt hatte, aber nur wenig tat, um den sozialen Graben zu schliessen, der in Haiti so tief ist wie in keinem anderen Land Lateinamerikas.

Einfluss via Entwicklungshilfe

Jude Célestin, der in einigen der allerdings wenig verlässlichen Umfragen als Favorit gehandelt wird, ist den USA wegen seiner Nähe zu Aristide aber ein Dorn im Auge. Sie fürchten, er könne den Karibikstaat in die Gruppe der linken US-kritischen lateinamerikanischen Staaten integrieren. Die USA versuchen seit einigen Jahren, im Rahmen von «Entwicklungshilfe» Haiti in einen billigen Lieferanten amerikanischer Modelabels zu verwandeln. 80 Prozent aller haitianischen Exporte sind Textilien, der Rest landwirtschaftliche Produkte wie Mangos und Kakao.

Ansonsten hängt das Land am Tropf der Entwicklungshilfe. Die Hälfte des Gesundheitsbudgets beispielsweise wird laut Weltbank mit ausländischer Finanzierung bestritten.

Viel Armut, wenig Entwicklung

Mehr als 60 Prozent der Haitianer sind arm, davon fristen 40 Prozent ein Dasein unter dem Existenzminimum. Noch immer leben 60 000 Erdbebenopfer in Notunterkünften, die Wirtschaft stagniert. Während in der Hauptstadt Port-au-Prince nach dem Beben viel in Gebäude und Strassen investiert wurde, hinkt die Infrastruktur im Landesinnern stark hinterher.