Kampf selbsternannter Patrioten

Hinter dem Attentat in Nizza steckt offensichtlich nicht nur ein suizidaler Einzeltäter. Die Ermittlungen gegen mögliche Komplizen laufen auf Hochtouren. Die Regierung begegnet damit auch Kritik der Rechtsopposition an den Behörden.

Stefan Brändle
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Ein Polizist vor einem Meer aus Blumen und Kerzen an der Promenade des Anglais in Nizza. (Bild: epa/Ian Langsdon)

Ein Polizist vor einem Meer aus Blumen und Kerzen an der Promenade des Anglais in Nizza. (Bild: epa/Ian Langsdon)

NIZZA. Das Leben muss weitergehen – jetzt erst recht: Mit dieser trotzigen Haltung kehrten am Wochenende zahllose Einwohner und Touristen bei strahlendem Sonnenschein auf die Promenade des Anglais in Nizza zurück, wo am französischen Nationalfeiertag 84 Menschen in einer Amokfahrt umgekommen waren. In den Spitälern der Stadt kämpften gestern immer noch 18 Schwerverletzte um ihr Leben; 300 kurieren ihre Blessuren oder ihren Schock. Bis heute herrscht Staatstrauer.

Die Konturen des Tatmotivs wurden gestern etwas klarer. Die These eines aggressiven und deprimierten Einzeltäters, der möglichst viele Menschen in seinen Suizid reissen wollte, scheint nicht mehr haltbar. Am Samstag beanspruchte die Terrormiliz «Islamischer Staat» (IS) die Urheberschaft des Attentats und nannte den Fahrer Mohamed Lahouaiej-Bouhlel einen ihrer «Soldaten». Antiterrorspezialisten wiesen darauf hin, dass der IS noch nie ein Attentat für sich beansprucht habe, das nicht auf sein Konto gegangen war.

«Sehr schnell radikalisiert»

Die französische Polizei ermittelt derweil im Umfeld des Täters auf mögliche islamistische Kontakte. Zu vier Verhafteten kamen zwei weitere dazu. Einer von ihnen soll mit Lahouaiej-Bouhlel am Tag der Tat telefonischen Kontakt gehabt haben. Französische Medien berichteten, der 31-Jährige habe dem verhafteten Verdächtigen kurz vor der Horrorfahrt ein SMS geschickt, in dem er um «mehr Waffen» ersucht habe.

Der französische Premierminister Manuel Valls sagte dem «Journal du Dimanche», erste Indizien deuteten darauf hin, «dass sich der Attentäter sehr schnell radikalisiert» habe. «Le Monde» berichtete, Lahouaiej-Bouhlel habe weder gebetet noch den Ramadan begangen; auch habe er bis zum Schluss Alkohol getrunken und Schweinefleisch gegessen. Das könne allerdings auch eine Verschleierungstaktik eines IS-Mitläufers gewesen sei, mutmasst die Zeitung und schrieb unter Bezug auf Ermittlerkreise, der tunesische Attentäter habe auch Kontakte zu einem Jihadisten aus Nizza gepflegt. Es soll sich um Omar Diaby handeln, der den französischen Geheimdiensten bestens bekannt ist: Diaby soll in den Nordquartieren Nizzas mehrere Jihad-Reisende nach Syrien vermittelt haben.

Offener Schlagabtausch

Dass diese Informationen sehr rasch an die Öffentlichkeit gelangen, hat seinen Grund zweifellos auch im enormen Druck, unter dem die Behörden und die Regierung stehen. Sie begegnen damit auch den Vorwürfen der Rechtsopposition, die sich anders als bei den Pariser Attentaten von 2015 nicht mehr zurückhält. Der konservative Bürgermeister von Nizza, Christian Estrosi, hatte schon am Morgen nach dem Anschlag moniert, seine diversen Gesuche um stärkere Polizeipräsenz seien von Paris nicht einmal beantwortet worden. Die Rechtspopulistin Marine Le Pen forderte die Regierung «im Namen aller französischen Patrioten» auf, sich «nicht mehr nur auf einen Krieg der Worte zu beschränken».

Der sozialistische Innenminister Bernard Cazeneuve konterte am Wochenende, indem er «alle Patrioten» aufrief, die Reihen der Reservetruppe der französischen Armee zu schliessen. Sie sollen die 10 000 im Einsatz stehenden Berufsmilitärs bei deren Kontrollen und Patrouillen im ganzen Land unterstützen. Dass sich Minister Cazeneuve ausdrücklich an die «Patrioten» wandte, zeigt auch das Bemühen, diesen Ausdruck nicht nur der Rechten zu überlassen.

Vorkampagne hat begonnen

Der sehr politische Schlagabtausch macht zudem klar, dass die Vorkampagne für die Präsidentschaftswahlen im Mai 2017 bereits begonnen hat. Selbst der eher gemässigte Favorit der konservativen Republikaner, Alain Juppé, sagte, das Attentat wäre «nicht möglich gewesen, wenn alle Massnahmen ergriffen worden wären». Premierminister Manuel Valls konterte, die von Juppé geforderten Zusatzmittel für Polizei, Geheimdienste und Verbände zur «Entradikalisierung» seien von ihm längst mobilisiert worden.

Laut einem TV-Sender hatte der Attentäter eine kleine Zufahrt zur Promenade des Anglais benützt. Sie war zwar an ihrem Ende vorschriftsgemäss abgesperrt. Der 19-Tönner überfuhr die mannshohe Sperre aber und gelangte so in die provisorische Fussgängerzone.