Kampf gegen Ghettobildung

Vier Wochen nach den Anschlägen auf «Charlie Hebdo» kündigt der französische Präsident François Hollande Massnahmen zugunsten Jugendlicher vor allem in den Vorstädten an.

Stefan Brändle
Drucken
Teilen

PARIS. François Hollande erklärte gestern an seiner Halbjahres-Medienkonferenz, die «republikanische Schule» müsse seit den Terroranschlägen von Anfang Januar «Priorität» haben. Er stellte neue Mittel in Aussicht, um gegen den schulischen Misserfolg und Ausstieg zu kämpfen. Ausserdem soll der französischen Sprache vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden. Die Lehrer werden verstärkt ausgebildet für den Auftrag, die soziale und nationale Kohäsion zu wahren.

Soziale Durchmischung

Auf weitergehende Forderungen der Rechtsopposition, etwa die Wiedereinführung einer Schuluniform oder das Aufstehen zum Gruss des Lehrers, ging Hollande nicht ein. Auch sein eigenes Wahlversprechen, den Ausländern auf kommunaler Ebene das Stimmrecht zu erteilen, will er «mangels Konsens» nicht weiterverfolgen.

Der sozialistische Staatschef räumte ferner ein, dass die Städtebaupolitik der letzten 30 Jahre versagt habe. Viel sei zwar für die Renovation der Banlieue getan worden, meinte er, «doch in diesen Vierteln leben immer noch die gleichen Bevölkerungsgruppen». Zur Bekämpfung dieser «Segregation» – Hollande benützte damit ein schwächeres Wort als sein Premierminister Manuel Valls, der von «Apartheid» gesprochen hatte – will der Präsident das bestehende Gesetz zur sozialen Durchmischung aller französischen Städte verschärfen: Bürgermeister, die in ihrer Gemeinde weniger als 20 Prozent Sozialwohnungen bauen lassen, müssten mit höheren Bussen rechnen.

Stärkung der Zivilgesellschaft

Ferner will Präsident Hollande auch den Zivildienst vor allem auf Jugendliche ausdehnen. Ab Juni sollen Franzosen unter 25 Jahren die Möglichkeit erhalten, auf freiwilliger Basis einen der 150 000 Posten im öffentlichen Dienst oder Gesundheitsbereich anzutreten. Ein Obligatorium, das von verschiedener Seite gefordert wurde, um sämtliche Jugendliche einzubinden, nachdem die Wehrpflicht abgeschafft worden ist, lehnt Hollande allerdings ab. Auch soziale Verbände hielten eine allgemeine Zivildienstpflicht während acht Monaten für undurchführbar: Für die knapp 800 000 Schulabgänger eines Jahrgangs gäbe es schlicht zu wenig offene Posten.

Aktuelle Nachrichten