Wikileaks
Julian Assange: «Die grossen Entscheide waren schon richtig so»

«Klar, es ist hart, 500 Tage lang aufzuwachen und die gleichen Wände anzustarren. Andererseits mache ich gute Arbeit hier»: Das sagt. Julian Assange über sein Zwangs-Daheim in der ecuadoriansichen Botschaft in London. Er bereut aber nichts.

Marlene von Arx, Los Angeles
Drucken
Teilen
Julain Assange: «Ich habe keine Lösung für die USA, aber ich wüsste, wo anfangen».

Julain Assange: «Ich habe keine Lösung für die USA, aber ich wüsste, wo anfangen».

Keystone

Gemäss Aussenminister Ricardo Patiño zieht Ecuador in Betracht, Ihren Fall vor den Internationalen Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Was versprechen Sie sich davon?

Julian Assange: Das ist eine ecuadorianische Angelegenheit, auf die ich nicht weiter eingehen kann.

Die Sexualdelikte, zu denen Sie in Schweden verhört werden sollen, verjähren im Jahr 2020. Damit schwindet die Gefahr der Auslieferung via Schweden in die USA. Planen Sie, so lange in der Botschaft zu bleiben?

Meine Aufmerksamkeit gilt den Untersuchungen in den USA. Deswegen habe ich auch politisches Asyl hier bekommen. Der schwedische Fall wird sich früher oder später in nichts auflösen, was aber nichts daran ändert, wann ich hier weg kann. Tatsache ist: Ich bin ohne Anklage gefangen. In bin jetzt 500 Tage in der Botschaft und die britische Regierung gibt zu, dass sie schon über zehn Millionen Dollar ausgegeben hat, um mich hier zu überwachen. Das hat sogar Boris Johnson, der konservative Bürgermeister von London, verurteilt.

Wie ist Ihr Leben in der Botschaft?

Klar, es ist hart, 500 Tage lang aufzuwachen und die gleichen Wände anzustarren. Andererseits mache ich gute Arbeit hier. Ich habe ja jetzt nichts mehr anderes los. Mich hier gefangen zu halten ist also ein kontraproduktives Manöver. Obwohl ich in diesen Wänden bin, bin ich intellektuell draussen mit unseren sehr fähigen und loyalen Mitarbeitern. Was draussen passiert, ist mir wichtiger als mein Wunsch, rauszugehen. Draussen entwickelt sich ein Gefängnis. Hier gibts wenigstens keine Polizei-Razzien.

Sprechen Sie inzwischen fliessend Spanisch?

Ich habe im Undercover-Journalismus gelernt, dass es am besten ist, wenn man allfällige Sprachkenntnisse nicht zugibt.

Wie sieht Ihr Tagesablauf aus?

Die Botschafts-Mitarbeiter hier sind zur Familie geworden. Wir haben einiges zusammen durchgemacht. Im August vor einem Jahr wurde die Botschaft belagert. Das verband uns wie Soldaten. Wir essen zusammen und feiern Geburtstage. Mehr möchte ich aus Sicherheitsgründen nicht sagen. Jeder wird überwacht, der hier ein und aus geht.

Wer besucht Sie?

Gestern war Graham Nash von Crosby, Stills and Nash hier. Er hat einen Song über Bradley Manning geschrieben.

Was halten Sie vom Urteil gegen Armee-Whistleblower Manning?

Die Minimum-Strafe ist ein taktischer Sieg der Verteidigung. Aber es ist ein Hohn, dass eine Medien-Quelle überhaupt der Spionage verurteilt werden kann – und erst noch zu 35 Jahren! Was bedeutet es, dass unter Obama mehr Whistleblowers unter dem Spionage-Gesetz von 1917 verfolgt wurden als in den ganzen 90 Jahren zuvor? Es gibt keine Anschuldigung, dass Private Manning Informationen verkauft oder dem Ausland gegeben hat. Von Spionage kann also nicht die Rede sein. Er hat das amerikanische Volk nur darüber informiert, was in dessen Namen passiert.

Haben Sie Kontakt zu Edward Snowden?

Ja, unsere Journalistin Sarah Harrison war an der Operation beteiligt, ihn von Hongkong irgendwo hin zu bringen, wo seine Rechte nicht unterwandert werden würden. Mr. Snowden betrachtet die Operation als einen Erfolg, aber er muss auf Jahre hinaus weiter aufpassen. Sarah Harrison ist jetzt effektiv im Exil in Russland, weil es gemäss unseren Anwälten zu gefährlich ist für sie, nach Grossbritannien zurückzukehren. Das ist ein weiterer Fall, wie Gesetze und Regeln von den Mächtigen ausgehebelt werden. Hier wird gezeigt, wer die Regeln macht, aber sie nicht befolgen muss. Das Weisse Haus kritisiert Russland, weil Vertreter von Menschenrechtsorganisationen Snowden besuchen konnten. Das ist schon ausserordentlich. Diese Haltung würde man doch eher von Nordkorea erwarten.

Julian Assange

Die USA sehen in ihm eine Bedrohung für die nationale Sicherheit, Schweden ermittelt wegen Sexualdelikten gegen ihn und hat einen europäischen Haftbefehl ausgestellt: Julian Assange, der 42-jährige Gründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, ist eine umstrittene Persönlichkeit. Um der Auslieferung an Schweden zu entgehen, flüchtete er im Sommer 2012 in die ecuadorianische Botschaft in London und beantragte politisches Asyl. (nch)

Sie sprechen immer wieder von der Verantwortung der Regierungen und der Medien. Welche Verantwortung übernehmen Sie gegenüber Menschen in Afghanistan, die wegen der Enthüllungen von Wikileaks in Gefahr gebracht wurden?

Da haben wirs: Wiederholte Propaganda. Niemand kam wegen unserer Veröffentlichungen körperlich zu Schaden. Nicht einmal das Pentagon wirft uns das vor. Aber es ist die alte Taktik, die auch gegen Edward Snowden angewendet wurde. Das ist bei jeder Story so, die den Sicherheitsapparat blossstellt.

Was wäre in Ihren Augen ein funktionierender Sicherheitsapparat?

Jedes Land, das sich der Selbstverwaltung und Unabhängigkeit rühmt, muss kampfbereit sein. Es braucht also ein eigenes Militär und das Bewusstsein, wer die Feinde sind. Ein Geheimdienst macht also Sinn, aber was die USA und auch Grossbritannien diesbezüglich machen, ist total ausser Kontrolle geraten. Das sieht man schon an den entsprechenden Staatsausgaben verglichen mit Gesundheit oder Bildung. Mir wäre wohler, wenn die Proportionen der Budgetausgaben so wären wie in anderen Ländern. In den USA haben 5,5 Millionen Leute ein Security Clearing – das ist quasi ein Staat in einem Staat. Die USA riskieren, eine Garnison zu werden.

Was ist die Lösung?

Ich habe keine Lösung für die USA, aber ich wüsste, wo anfangen. Zuerst muss man mal die Zustände wahrnehmen, damit das Volk beurteilen kann, ob es sie gut findet oder nicht. Wenn es sie nicht gut findet, müssen Alternativen gefunden werden. Momentan müssen Amerikaner wie Edward Snowden in ein anderes Land, um ihr eigenes zur Rechenschaft zu ziehen. Die Geheimdienste und ihre Auftragnehmer saugen mehr Informationen auf, als die Stasi sich je hätte träumen lassen. Das Gleichgewicht zwischen der Öffentlichkeit und dem Sicherheitsapparat ist bedroht wie nie zuvor. 77 Millionen Dokumente wurden letztes Jahr in den USA klassifiziert. Die NSA fängt über zwei Milliarden Kommunikationen pro Tag ab und will es gemäss eigenen Dokumenten auf 20 Milliarden bringen. Solange Wikileaks nicht auch 20 Milliarden Dokumente pro Tag veröffentlicht, gibts keinen Ausgleich.

Haben Sie nie einen schwachen Moment, in dem Sie sich sagen: War es das alles wert?

Nein, nur damals, als ich zehn Tage in Einzelhaft war. Da habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich nicht das eine oder andere falsch eingeschätzt habe. Aber die grossen Entscheide waren richtig so. Ich weiss, Sie suchen Anzeichen einer normalen Person bei mir. Aber mein Herz und meine Seele sind in meiner Arbeit. Wahrscheinlich mehr als in allem anderen.

Auch mehr als in Ihrer Familie?

Meine Familiensituation ist schwierig. Einige meiner Familienmitglieder mussten umziehen und ihren Namen ändern, weil sie Drohungen bekommen haben. Amerikanische Blogs der extremen Rechten rufen zum Mord an meinem Sohn auf. Wir haben da Sicherheitsmassnahmen ergriffen. Aber das macht mir schon Angst.

Ist Anonymität im Internet heute noch möglich?

Für Sicherheitstechniker schon. Zum Browsen kann man mindestens die Tor-Software benutzen, die Freunde in Kalifornien entwickelt haben. Die NSA hat schon einige Attacken dagegen lanciert, bislang erfolglos. Ich glaube, dass die Enthüllungen von Edward Snowden einen Markt für Privatschutz-Technologien geöffnet haben. Wir hatten ja schon mal eine ähnliche Situation mit den Crypto Wars. Die NSA wollte Kryptografie verbieten. Die US-Sofwarehersteller haben seither einen grossen internationalen Marktanteil verloren, denn man kann ja der indischen Regierung nicht ein E-Mail-Encrypting-Programm mit einer Hintertür für die NSA verkaufen. Das wird sich auf E-Mail, Facebook, Cloud Services und andere amerikanische Kommunikationsprodukte ausdehnen.

Wie glauben Sie wird die Geschichte Sie eines Tages beurteilen?

Das interessiert mich eigentlich nicht. Ich will jetzt gute Arbeit leisten. Geschichte basiert grundsätzlich auf Lügen, auf die man sich geeinigt hat. Wikileaks ist nicht nur eine Kampfjournalismus-Organisation. Wir haben auch Millionen von Dokumenten über historisch wichtige Angelegenheiten, die wir als Gerüst sehen für eine verbesserte Zivilisation. Wenn wir konsistenter die Wahrheit der Informationen absorbieren, machen wir auch weniger Fehler. Die westliche Zivilisation steht nun an einer Gabelung: Auf der einen Seite können wir den Weg in die Massenüberwachungsgesellschaft wählen, auf der anderen Seite tut sich ein neuer internationaler Konsens für Transparenz auf – wir leben in einer aufregenden Zeit.

Aktuelle Nachrichten