Jürgen Trittin und die Pädophilie

Stürzt Jürgen Trittin die Grünen in den Abgrund? Ihr Spitzenkandidat muss eine Woche vor der Bundestagswahl einräumen, vor zwei Jahrzehnten ein Pädophilie-Programm genehmigt zu haben. CSU hält Trittin für untragbar.

Fritz Dinkelmann
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Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Grünen, wird in der Pädophilie-Debatte zum Risiko für seine Partei. (Bild: epa/Rainer Jensen)

Jürgen Trittin, Spitzenkandidat der Grünen, wird in der Pädophilie-Debatte zum Risiko für seine Partei. (Bild: epa/Rainer Jensen)

BERLIN. Die Grünen haben im vergangenen Mai den Politologen Franz Walter vom Göttinger Institut für Demokratie-Forschung beauftragt, den Vorwurf zu untersuchen, dass ihre Partei vor Jahrzehnten pädophile Positionen vertreten hat und es auch prominente grüne Politiker gab, die damals, zu Zeiten der so genannten sexuellen Revolution Straffreiheit für Sex mit Kindern forderten, wenn dies einvernehmlich geschehe.

Der Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit wurde in diesem Zusammenhang von deutschen Medien wie ein Kinderschänder vorgeführt, und seit gestern Montag droht auch Grünen-Spitzenkandidat Jürgen Trittin dieses Schicksal.

Aus Wahltaktik verdrängt

Die Berliner «Tageszeitung» (Taz) publizierte ein Interview mit Walter, in dem dieser mit seinem Forscherkollegen Stephan Klecha führenden Grünen-Politikern Sprachlosigkeit vorwirft: Aus wahltaktischen Gründen habe die Partei die Pädophilie-Affäre verdrängt. Eine Geschichte, die «einen gravierenden Verlust des zuvor so strotzenden Selbstbewusstseins» der Grünen offenbare, «gerade in der moralischen Hybris, die Partei der Guten zu sein». Doch nun sei bei den Grünen «ein Gemisch aus Ratlosigkeit, Lähmung, ja Furcht vor der Debatte» zu registrieren.

Dem Grünen Spitzenkandidaten Jürgen Trittin wird persönlich vorgeworfen, er habe 1981 das Kommunal-Wahlprogramm einer Liste in Göttingen presserechtlich zu verantworten gehabt, das für Sex zwischen Kindern und Erwachsenen (unter bestimmten Bedingungen) Straffreiheit forderte. Er sei in dem Gemeinde-Wahlprogramm der damaligen Alternativen-Grünen-Liste AGIL aufgeführt – als eines von fünf Mitgliedern der Schlussredaktion. Einen Tag nach dem ernüchternden Ergebnis bei der Landtagswahl in Bayern steht nun also der grüne Spitzenkandidat Trittin mit dem Rücken zur Wand.

«Das sind auch meine Fehler»

Trittin hat in der «Taz» den Sachverhalt bestätigt und erklärt: «Das sind auch meine Fehler, die ich bedauere.» Und er hat eingestanden, dass es bei den Grünen lange gedauert habe, «falsche Forderungen zu korrigieren». In der Gründungsphase der Partei habe es dies gegeben, und dem habe er sich «nicht hinreichend entgegengestellt». Trittin prangerte sich gar selbst an: Für «falsch verstandene Liberalität» dürfe es kein Verständnis geben. Also kein Verständnis für ihn? Wäre dem so, wäre dies Geschichtsfälschung. Die 68er-Revolte war ein Aufstand einer Jugend, die sich nicht zuletzt von den Fesseln einer verlogenen Sexualmoral befreien wollte. Trittin war damals Student und mitten drin in der Debatte über freie Sexualität, bei der auch ein offener Umgang gefordert wurde mit Kindersexualität.

In manchen Wohngemeinschaften praktizierten Erwachsene Sex vor ihren Kindern, um ihnen so zu zeigen, dass Sex etwas ganz Normales sei. Dies heute noch zu erklären, ist allerdings schwierig. Die Grüne Co-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt hat Jürgen Trittin gestern zwar im ZDF verteidigt. Er habe damals gar nicht gewusst, dass er für dieses Programm presserechtlich verantwortlich gewesen sei. Aber, sie sprach auch von einer für sie «nach wie vor unvorstellbaren Geschichte» – eine Aussage, die sich auch als Distanzierung interpretieren lässt. Offensiver äusserte sich Co-Parteichef Cem Özdemir: Die Veröffentlichung der Erkenntnisse Walters zeige, dass die Grünen richtig gehandelt hätten, als sie einen unabhängigen Sachverständigen darum baten, die Hintergründe der grünen Pädophilie-Vergangenheit auszuleuchten. Walter habe «keine Rücksicht» genommen, «auch nicht auf einen Wahltag», und «das ist richtig».

Politisch tödlicher Vorwurf

Dennoch lässt sich auch fragen, weshalb die zwei Pädophilie-Gutachter sich dazu entschlossen, ihre Erkenntnisse wenige Tage vor der Wahl mitzuteilen. CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt sagte: «Trittin war Teil des Pädophilie-Kartells bei den Grünen und ist als Frontmann untragbar.» Eine über 30 Jahre alte Geschichte könnte die ohnehin schon angeschlagenen Grünen weitere Prozentpunkte kosten. Denn in die Nähe von Pädophilen gerückt zu werden, kann politisch tödlich sein. Die liberale hessische FDP-Politikerin musste deshalb ihre Bundestagskandidatur zurückziehen.