JUBILÄUM: Von Anfang an ein Friedensprojekt

Vor 60 Jahren wurden die Römer Verträge unterzeichnet, die den Grundstein für die heutige Europäische Union legten. Mit einem Sondergipfel feiert die Union heute in Rom diesen Beginn der europäischen Einigung.

Urs Bader
Merken
Drucken
Teilen

Urs Bader

Sogar die Schweiz spielte bei der europäischen Einigung einmal eine wichtige Rolle. In der frühen Nachkriegszeit war sie Schauplatz wichtiger europapolitischer Konferenzen. Bei der Umsetzung von Initiativen, die davon ausgingen, nahm die Schweiz dann jedoch nicht mehr teil. Darauf hat der Historiker Christian Koller in einer Publikation des Schweizerischen Sozialarchivs hingewiesen. Im September 1946 stand die Idee eines vereinten Europas gleich an drei Veranstaltungen im Mittelpunkt.

Am stärksten beachtet wurde die Rede von Winston Churchill am 19. September 1946 an der Universität Zürich. Dem britischen Kriegspremier schwebte «eine Art Vereinigter Staaten von Europa» vor. Gemeint war freilich nur Kontinentaleuropa mit Deutschland und Frankreich im Kern. Das Königreich sah Churchill immer noch auf Augenhöhe mit der Sowjetunion und den USA.

Das Hertensteiner Programm für Europa

Zur gleichen Zeit diskutierten im luzernischen Hertenstein gegen 80 Delegierte aus 13 europäischen Ländern und den USA über die Zukunft Europas. Organisiert wurde die Konferenz von der Schweizer Europa-Union und einer niederländischen Partnerorganisation. Die Konferenz führte zur Gründung der Union der europäischen Föderalisten, die in den Folgejahren weitere Treffen organisierte. Am 21. September 1946 verabschiedeten die Delegierten das zwölf Punkte umfassende Hertensteiner Programm. Ihnen schwebte «eine auf föderativer Grundlage errichtete europäische Gemeinschaft» vor, die von «unten nach oben» aufgebaut wird.

Die dritte Veranstaltung in der Schweiz in jenem September waren die mehrtägigen «Rencontres Internationales» in Genf, an denen rund 50 Intellektuelle über den «Geist Europas» diskutierten: Wie konnte das europäische Kulturerbe zur Erneuerung des durch Kriege versehrten Kontinents beitragen? Dieses Intellektuellentreffen wurde bis 1956 jährlich durchgeführt.

Jedenfalls gab es in den Nachkriegsjahren in ganz Europa und auf ver­schiedenen Ebenen so etwas wie eine europäische Aufbruchstimmung. Der Wunsch nach dauerhaftem Frieden war gross. Um ihn zu sichern, wurden unterschiedliche Modelle einer europäischen Vereinigung diskutiert und angestrebt.

Im Mai 1950 formulierte der französische Aussenminister Robert Schuman das Ziel einer Einigung Europas durch freiwillige enge wirtschaftliche Verflechtung. Diese sollte künftig auch Kriege unmöglich machen. Dazu müssten Frankreich und Deutschland sich aussöhnen. Der deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer unterstützte den Vorstoss. Im April 1951 bereits unterzeichneten dann die Benelux-Staaten, Frankreich, Deutschland und Italien in Paris den Vertrag über die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), die Montanunion. Sie wurde zur Keimzelle der heutigen EU. Die unterzeichnenden Staaten wollten «an die Stelle der jahrhundertealten Rivalitäten einen Zusammenschluss ihrer wesentlichen Interessen» setzen und «durch die Errichtung einer wirtschaftlichen Gemeinschaft den ersten Grundstein für eine weitere und vertiefte Gemeinschaft unter Völkern» legen, wie es in der Präambel heisst. Der Vertrag war von Anfang an als Vorstufe einer späteren engen politischen Zusammenarbeit gedacht.

«Die Probleme enden heute nicht, sondern beginnen»

Solche Schritte scheiterten in der Folge aber zunächst. Das Ziel, sowohl eine europäische Verteidigungsgemeinschaft als auch eine europäische politische Gemeinschaft zu bilden, wurde damals nicht erreicht. Doch bereits 1955 verständigten sich die EGKS-Unterzeichner darauf, Gespräche über einen engeren wirtschaftlichen Zusammenschluss durch die Bildung eines gemeinsamen Marktes und eine gemeinsame Entwicklung der Atomenergie zu eröffnen. Am 25. März 1957 wurden dann in Rom die Verträge zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) unterzeichnet, die sogenannten Römer Verträge. Ziele waren die Errichtung einer Zollunion, der Abbau von Handelshemmnissen und die Schaffung eines gemeinsamen Marktes, in dem Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital frei zirkulieren. Damit nahm der europäische Einigungsprozess konkretere Formen an.

Italiens Aussenminister Gaetano Martino erklärte bei der Unterzeichnung weitsichtig: «Mit diesem jetzt vollzogenen Akt beginnen wir eine neue Zeit in unseren Beziehungen und im Leben unserer Völker. Doch möchte ich sagen, dass die Probleme heute nicht enden, sondern beginnen. Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft kommt nicht daher wie eine Maschine mit vorherbestimmter Mechanik oder Bewegungen. Sie wird die Frucht unseres Willens sein, unseres Mutes, unserer Weitsicht und unserer Fähigkeit, Opfer zu bringen.»