Jihadisten proben die Allianz

Das amerikanisch-russische Waffenstillstandsabkommen kann zu einer weiteren Stärkung und Radikalisierung der jihadistischen Rebellen führen. Eine Umsetzung des Handels scheint fraglich.

Michael Wrase, Limassol
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Syrische Kinder geniessen die Waffenruhe, Jihadisten planen neue Eskalation. Bild: Mohammed Badra/EPA (Bild: MOHAMMED BADRA (EPA))

Syrische Kinder geniessen die Waffenruhe, Jihadisten planen neue Eskalation. Bild: Mohammed Badra/EPA (Bild: MOHAMMED BADRA (EPA))

48 Stunden länger als ursprünglich geplant sollen in Syrien die Waffen schweigen. Die Verlängerung der Feuerpause könnte die noch immer nicht erfolgte Versorgung von Zivilisten in Ost-Aleppo und anderen eingekesselten Regionen erleichtern.

Gemeinsame Luftangriffe gegen die extremistische Nusra-Front, welche im amerikanisch-russischen Waffenstillstandsabkommen von Genf nach dem Ablauf der Feuerpause vorgesehen sind, halten die meisten Beobachter dagegen für unwahrscheinlich.

«Befehle von Tyrannen nehmen wir nicht entgegen»

«Die Nusra-Kämpfer lassen sich einfach nicht vom Rest der Rebellen trennen», erklären die für die amerikanische Denkfabrik Atlantic Council tätigen Syrien-Experten Frederic Hof und Faysal Itani. Tatsächlich zögen die Aufständischen längst «an einem Strang» – was sie mit einer deutlichen Ablehnung des Waffenstillstandsabkommen zum Ausdruck brachten.

«Befehle von Tyrannen nehmen wir nicht entgegen», verkündete Mostafa Mohammed von der Al-Qaida-Filiale Nusra-Front, die inzwischen unter dem Namen Jabat Fatah al-Sham (Syrische Eroberungsfront) auftritt. Den Supermächten werde es nicht gelingen, die «Arme der Heiligen Krieger Syrer» zu brechen.

Eine entsprechende Grundsatzerklärung der Nusra-Front ist inzwischen von 22 syrischen Rebellengruppen unterzeichnet worden. Wortreich erklärten sie sich darin mit der kampfkräftigsten Jihad-Organisation in Syrien solidarisch. Damit aber nicht genug: In Gesprächen mit der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) kündigten Kommandanten der Nusra-Front und von Ahrar al-Sham, der zweitstärksten jihadistischen Rebellengruppe in dem Bürgerkriegsland, ihren baldigen Zusammenschluss an.

«Unser Ziel ist es, alle Fraktionen auf dem Schlachtfeld auch formell zu einer einzigen Streitmacht zu verschmelzen», sagt ein Sprecher von Ahrar al-Sham (Freie Männer Syriens). Ob sich eine solche Vereinigung in kurzer Zeit bewerkstelligen lässt, bleibt abzuwarten. Es ist aber unübersehbar, dass die auf eine «Verschmelzung» der Jihadisten hinarbeitenden Kräfte durch das Abkommen von Genf gestärkt worden sind.

Pentagon kritisiert Genfer Abkommen

Die Supermächte könnten mit ihrem Abkommen, in dem das Assad-Regime zunächst ungeschoren davonkommt, am Ende das Gegenteil von dem erreicht haben, was sie beabsichtigt hatten. Anstatt die sogenannt moderaten Rebellen von der Nusra-Front zu lösen, könnte der Handel zu einer Vereinigung der syrischen Aufständischen – auch der säkularen – unter der Führung der stärksten und radikalsten Fraktionen führen. Die «Moderaten» würden endgültig marginalisiert, weil sie, selbst wenn sie es wollten, nicht über die Kraft verfügen, sich gegen die jihadistische Dominanz zur Wehr zu setzen.

Auf die Schwächen des Waffenstillstandsabkommens soll laut «New York Times» vor allem das Pentagon hingewiesen haben. Verteidigungsminister Ashton Carter habe in einer Telefonkonferenz mit Barack Obama den Deal von Genf abgelehnt, sei aber vom Präsidenten überstimmt worden. Selbst Aussenminister John Kerry soll gegenüber Freunden und engen Mitarbeiter erklärt haben, er glaube nicht an das Funktionieren des Abkommens. Noch in der vergangenen Woche hatte der US-Chefdiplomat die Abmachung als die «letzte Chance für ein geeintes Syrien» gepriesen.

Die Strasse nach Aleppo blieb auch am vierten Tag der Waffenruhe für Hilfslieferungen blockiert. Weder die Rebellen noch die Armee hätten den Weg in den Osten der Stadt freigemacht, meldeten die syrischen «Menschenrechtsbeobachter».

Teile der Bevölkerung demonstrierten gegen das «Schandwerk» von Genf.