Jihadisten als Lebensversicherung der Opposition

Während sich die Armee von Bashar al-Assad auf neue Offensiven vorbereitet, solidarisieren sich die Rebellen mit der islamistischen Nusra-Front.

Michael Wrase/Limassol
Merken
Drucken
Teilen

Wenn in Syrien 15 Stunden lang kein Zivilist bei Kriegshandlungen ums Leben kommt, dann ist dies der Beobachtungsstelle für Menschenrechte eine Meldung wert. Gefechte zwischen Regierungstruppen und verschiedenen Rebellengruppen seien zwar «hier und dort» fortgesetzt worden. Tote habe es aber nur auf den Golanhöhen gegeben, wo 23 Jihadisten bei Kämpfen mit der Armee von Präsident Bashar al-Assad ums Leben kamen.

Jedoch handle es sich bei den Opfern um Kämpfer der Nusra-Front, die auch während der Waffenruhe bekämpft werden darf. So steht es im Waffenstillstandsplan der Amerikaner und Russen, die zum Entsetzen der Opposition die geplante Verteilung von Hilfsgütern in Ost-Aleppo mit eigenen Truppen überwachen wollen.

«Lieber hungern wir, als uns von Putin abhängig zu machen», schimpften Aktivisten in der nordsyrischen Millionenmetropole. Die meisten von ihnen halten den Syrien-Plan der Supermächte für nicht umsetzbar.

Waffenruhe nur aus taktischen Gründen

Nicht eine Rebellengruppe von Gewicht sei bereit, die Bedingungen der Russen und Amerikaner zu erfüllen und sich von der kampfkräftigen und disziplinierten Nusra-Front zu distanzieren, erklärt der Bürgerjournalist Farid al-Halabi im Skype-Interview: «Ob wir die Jihadisten mögen oder nicht – sie sind unsere einzige Lebensversicherung. Ohne die Nusra sind wir gegen Assad und seine Verbündeten chancenlos», sagt al-Halabi.

Noch deutlicher wird der Sprecher der islamistischen Rebellengruppe Ahrar al Sham. Der russisch-amerikanische Waffenstillstandsplan sei darauf ausgerichtet, jene zu eliminieren, die das syrische Volk beschützten. «Niemals» werde man die Nusra-Front im Stich lassen. Diese tritt jetzt unter dem Namen Jabhat Fatah al-Sham (Eroberungsfront für Syrien) auf.

Die Argumente der Rebellen und ihrer zivilen Unterstützer sind nachvollziehbar, jene der Supermächte jedoch auch. Zu Recht weisen sie daraufhin, dass sich die frühere Nusra-Front zwar organisatorisch, aber nicht ideologisch vom Terrornetzwerk Al Qaida getrennt habe. Nach einer Studie des «Institute for the Studies of War» und des «American Enterprise Institute» ist die Nusra-Front «langfristig eine viel grössere Gefahr für Europa und die USA als der <Islamische Staat>».

Die Gruppe habe die moderate Opposition derart umfassend unterwandert und geschwächt, dass sie «am meisten von der Zerstörung des IS und dem Sturz des syrischen Regimes» profitieren würde. Vom Terror, heisst es in die Studie, habe sich Nusra keineswegs verabschiedet. Aus taktischen Gründen setze die Gruppe auf eine Phase der Ruhe, um sich eine solide Basis aufzubauen.

Plan spielt dem Regime in die Hände

Russen und Amerikaner wollen das verhindern. Sollte die Waffenruhe sieben Tage lang «einigermassen» halten, sollen Ziele der Nusra und ihrer Verbündeten in Syrien «gemeinsam» bombardiert werden. Dass ein solches Szenario das Regime in Damaskus stärken wird, ist offenkundig. «Der Plan der Russen und Amerikaner hätte auch aus Assads Feder kommen können», empört sich Farid al-Halabi. Der Diktator habe erst am Montag seine Absicht erklärt, ganz Syrien wieder mit Waffengewalt unter seine Kontrolle bringen zu wollen.

Tatsächlich scheint auch das Regime nicht an eine längere Waffenruhe zu glauben. Die kleine Pause erlaube es den Streitkräften, sich auf neue Offensiven bei Aleppo vorzubereiten, berichtete gestern die regimenahe Webseite Masdar-News. Schliesslich sei nicht zu erwarten, dass sich die Kampfparteien an eine längere Waffenruhe halten würden.