Jihad-Terror – ein Erbe des Wahhabismus

Durch seine Staatsreligion Wahhabismus ist das saudische Königreich Quelle der internationalen islamistischen Gewalt. Von Walter Brehm

Drucken
Teilen

Saudi-Arabien ist ein Land im Widerspruch. Es lebt in ständiger Angst vor den Jihad-Terroristen der Qaida und des sogenannten Islamischen Staates (IS). Aber die Gewaltideologie der Terroristen hat ihre Wurzeln im arabischen Königreich – wurde aus diesem erst in die islamische Welt exportiert. Seit der Allianz zwischen der monarchischen Dynastie der Al Saud mit den Nachkommen des Predigers Mohammed Ibn Abdul Wahhab im 18. Jahrhundert stehen die Saudis für eine besonders extreme Auslegung des Islams.

Salafisten und Jihadisten aus aller Welt wurden an saudischen Schulen oder zumindest mit saudischem Geld ausgebildet. Hunderttausende Gastarbeiter in der saudischen Ölindustrie nahmen bei ihrer Rückkehr den Wahhabismus mit in ihre Heimatländer. Zwischen 1970 und 2005 hat der saudische Staat zudem geschätzte 150 Milliarden Franken in den Export des radikalen religiösen Gedankenguts investiert. Schon König Fahd, der Vorgänger des verstorbenen Königs Abdullah, hatte sich gerühmt, weltweit über 1500 wahhabitische Moscheen, 202 Universitäten und über 200 Schulen gesponsert zu haben.

Als es 2003 auch in der saudischen Hauptstadt Riad zu ersten Jihad-Terroranschlägen gekommen war, begann die Monarchie aktiv gegen den Terrorismus vorzugehen. Doch die Büchse der Pandora war längst geöffnet. Saudische Extremisten entzogen sich der Verfolgung im Jihad in Afghanistan. Rückkehrer aus dem Hindukusch werden heute zu Dutzenden in Irak und Syrien als Kämpfer des IS verhaftet. Und in Saudi-Arabien sind viele Oppositionelle längst Anhänger des selbsternannten Kalifats der Jihadisten. Die Geister, die der Wahhabismus gerufen hat, sind auch an ihren Ursprungsort zurückgekehrt. Bei aller vorgeblichen Entschlossenheit, gegen den Jihad-Terror vorzugehen, lebt das saudische Königreich auch vom Export seiner Staatsreligion – und muss den Preis dafür auch im eigenen Land bezahlen. Bezahlen müssen dafür aber auch die westlichen Verbündeten Saudi-Arabiens. Daran erinnert hat zuletzt der Terror gegen «Charlie Hebdo» in Paris.

Die Bluttat von Paris ist zudem kaum zufällig mit einem Urteil gegen den saudischen Internetaktivisten Raif Badawi zusammengefallen. Die 1000 gegen den oppositionellen Blogger verhängten Peitschenhiebe sind nicht anderes als ein Akt des Staatsterrorismus – ein Spiegelbild der menschenverachtenden Gewalt des vorgeblich bekämpften IS.

Martin Schulz, Präsident des EU-Parlaments, sagt es für einen westlichen Politiker ungewohnt deutlich: «Ich kann keinen Unterschied erkennen zwischen einem Enthauptungsvideo der IS-Terroristen und der in Saudi-Arabien praktizierten Todesstrafe durch öffentliche Enthauptung oder der öffentlichen Prügelstrafe. Ich glaube, Saudi-Arabien kann nur noch ein glaubwürdiger Partner für den Westen sein, wenn diese mittelalterlichen Methoden, die auf dem Wahhabismus fussen, eingestellt werden.»

Das ist ein bitterer Hinweis auf die Realität. Die Gefahr des gewalttätigen, politisch instrumentalisierten Islam ist nicht mehr allein durch die Unterscheidung zwischen der Minderheit von Extremisten und der Mehrheit friedfertiger Moslems zu bannen. Die Behauptung, dass die Terroristen keine Moslems seien, ist naiv, solange sich diese auf die Lehren des Predigers Mohammed Ibn Abdul Wahhab berufen können, die in Saudi-Arabien geltende Staatsreligion sind.

walter.brehm@tagblatt.ch