Jetzt droht der deutschen Linken die Spaltung

Es ist sehr selten, dass an einem Parteitag etwas Ungeplantes geschieht. An diesem Wochenende könnte das in Göttingen am Parteitag der Linken passieren. Es könnte passieren, dass die Partei auseinanderbricht.

Fritz Dinkelmann
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Gregor Gysi (Bild: ky)

Gregor Gysi (Bild: ky)

BERLIN. Die wichtigen Punkte werden von den Parteistrategen jeweils vorher geklärt und am Parteitag von den Delegierten nur noch «abgenickt». Auch spektakuläre Auseinandersetzungen gibt es nur ausnahmsweise, und wenn, dann sorgten in der Vergangenheit die Grünen für solche Spannungsmomente. In spektakulärer Erinnerung bleibt etwa ihr Sonderparteitag im Mai 1999, als Joschka Fischer es mit seinem alten Weggefährten Daniel Cohn-Bendit schaffte, die Delegierten im Saal auf die rot-grüne Politik im Kosovo-Krieg einzuschwören.

Gysi versuchte zu vermitteln

Am Parteitag der Linken in Göttingen könnte es an diesem Wochenende ähnlich turbulent werden. Der monatelange, erbittert geführte Machtkampf zwischen «Reformern» und kompromisslos argumentierenden Linken eskalierte von Woche zu Woche. Heute und morgen kommt es nun zu einem Showdown, dessen Ausgang völlig offen ist. Wer soll die Partei künftig führen? Elf Kandidaten wollen sich der Wahl zum Parteivorsitzenden stellen, wobei nur klar ist, dass die Delegierten letztlich eine Doppelspitze wählen sollen. Ein Ossi und ein Wessi sollen es sein, eine Frau und ein Mann.

In den letzten Tagen trafen sich die zahllosen, untereinander heillos zerstrittenen Grüppchen zu unzähligen Aussprachen, an denen über das taktische Vorgehen gestritten wurde, nachdem Oskar Lafontaine letzte Woche sein Angebot, noch einmal die Parteiführung zu übernehmen, zurückgezogen hatte. Dies, weil sein Gegenspieler Dietmar Bartsch seine Kandidatur nicht zurückziehen wollte. Die amtierenden Vorsitzenden der Links-Partei, Gesine Lötzsch und Klaus Ernst, versagten kläglich in ihrem Bemühn, den Absturz der Partei zu stoppen. Mit 11,9 Prozent wurde die Linke 2009 in den Bundestag gewählt – aktuelle Umfragen sehen sie nun bei 5 bis 6 Prozent.

Gestern äusserte sich Gregor Gysi in der «Süddeutschen Zeitung» resigniert: Er sei mit seiner «Integrationsaufgabe erst einmal gescheitert». Er meinte damit den Versuch, Ost- und Westflügel der Partei miteinander zu versöhnen oder zumindest zu verhindern, dass der Parteitag zu einem Debakel wird. Aber leider habe nun auch er «das Ende der Fahnenstange langsam erreicht».

Unklare Rolle Lafontaines

Sechs Kandidaten werden realistische Chancen eingeräumt im Kampf um den Parteivorsitz. Als Alternative zu Dietmar Bartsch, der dem Reformflügel zugerechnet wird, hat der baden-württembergische Landesverband ihren linken Landeschef Bernd Riexinger in Position gebracht. Und es gibt die Doppelkandidatur von Parteivizechefin Katja Kipping (Sachsen) und Katharina Schwabedissen (Nordrhein-Westfalen).

Das sind die vier Meistgenannten – zumindest offiziell. Denn es wäre keine Überraschung, wenn in Göttingen den Delegierten plötzlich Sahra Wagenknecht als «Heilsbringerin» erscheinen würde, die charismatische und dogmatische Lebensgefährtin von Lafontaine. Stimmt es, was «Spiegel-Online» recherchiert hat, dann hat «Oskar Lafontaine die Partei in den vergangenen Monaten nur deshalb so drangsaliert, weil ihn seine Freundin angestachelt hatte, ihr den Weg frei zu räumen».

Gysi befürchtet hingegen, dass die Partei in einer ausweglosen Situation sein könnte: «Entweder es gelingt ein Neubeginn oder es endet in einem Desaster bis hin zu einer möglichen Spaltung.»

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