Jemen braucht Überlebenshilfe

Die UNO und internationale Hilfsorganisationen erhöhen den Druck auf die saudisch geführte Koalition. Deren Repräsentanten trafen sich gestern zum Kriegsrat in Riad. Huthi-Rebellen greifen eine saudische Grenzstadt an.

Michael Wrase
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Ausgebombte Zivilisten suchen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa überall Notunterkünfte – auch in Baustellen für Kanalisationsschächte. (Bild: epa/Yahya Arhab)

Ausgebombte Zivilisten suchen in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa überall Notunterkünfte – auch in Baustellen für Kanalisationsschächte. (Bild: epa/Yahya Arhab)

LIMASSOL/RIAD. Zehn Tage sind vergangenen, seit die saudisch geführte Militäroperation «Sturm der Entscheidung» in Jemen angeblich von der Mission «Wiederherstellung der Hoffnung» abgelöst worden ist. Nach dem zynischen Etikettenwechsel hat sich das Leid der 25 Millionen Jemeniten aber weiter dramatisch verschlimmert.

Um eine humanitäre Katastrophe noch abzuwenden, haben daher die UNO und internationale Hilfsorganisationen die saudisch geführte Koalition eindringlich dazu aufgefordert, die Bombardierung der Flug- und Seehäfen zumindest vorübergehend einzustellen.

Besonders der in den letzten Tagen massiv bombardierte Flughafen der Hauptstadt Sanaa müsse dem Land als «wichtige Versorgungsdrehscheibe erhalten bleiben», forderte der UNO-Koordinator für humanitäre Hilfe, Johannes Van der Klaauw. Mit ihren «harten Einfuhrbeschränkungen» habe die Koalition das tägliche Leben der Jemeniten unerträglich gemacht, erklärt auch Cedric Schweizer, der in dem ärmsten arabischen Land ein IKRK-Team mit 250 Mitarbeitern leitet.

Vollständig auf Hilfe angewiesen

Jemen, so Cedric, sei fast vollständig auf die Einfuhr von Überlebenshilfe angewiesen. Diese könnte nach Inkrafttreten einer humanitären Waffenruhe über eine Luftbrücke aus dem ostafrikanischen Dschibuti eingeflogen werden. Zudem müsste Tankschiffen mit Treibstoff das Einlaufen in jemenitische Häfen gestattet werden, weil ohne Benzin die Überlebenshilfe nicht transportiert werden könne, mahnt die UNO. Die Regierenden in Riad haben auf die Forderungen mit vagen Absichtserklärungen reagiert.

Man erwäge die Einrichtung von Sicherheitszonen, teilte der neue saudische Aussenminister Abdel al-Jubeir mit. Von Hilfslieferungen dürften aber nicht die Huthis profitieren. Dies zu verhindern ist freilich unmöglich, weil die schiitischen Milizen noch immer grosse Teile des Landes kontrollieren.

Senegal schickt Soldaten

Um die Huthi von der Überlebenshilfe auszuschliessen, müssten Bodentruppen humanitäre Korridore bis nach Sanaa freikämpfen. Dazu ist auf Seiten der arabisch geführten Koalition bislang niemand bereit.

Lediglich Senegal will Bodentruppen nach Saudi-Arabien schicken. Diese sollen nach den Worten des senegalesischen Aussenministers Ndiaye «die heiligen Stätten in Mekka und Medina beschützen». Ein Kampfeinsatz im Jemen kommt für das westafrikanische Land, das vor 14 Jahren 92 seiner Soldaten beim Absturz einer saudischen Transportmaschine verlor, anscheinend aber auch nicht in Frage.

Kriegsziele nicht erreicht

Über neue Strategien in Jemen dürften gestern auch die Staatschefs des Golfkooperationsrates bei ihrem jährlichen Gipfeltreffen in Riad beraten. Bei nüchterner Betrachtung müssten sie feststellen, dass die proklamierten Kriegsziele, die Wiedereinsetzung des gestürzten jemenitischen Präsidenten Hadi und die Vertreibung der Huthi aus Sanaa, nicht erreicht wurden.

Ehrengast des Gipfels ist Frankreichs Präsident François Hollande. Heute wird US-Aussenminister John Kerry in Riad erwartet. Nach amerikanischen Medienberichten will auch er «mit erheblichem Nachdruck» auf eine humanitäre Waffenruhe in Jemen drängen.

Huthi-Angriff auf Najran

Huthi-Milizen haben nach saudischen Medienberichten die grenznahe saudische Stadt Najran angriffen. Nach dem Einschlag von acht Mörsergranaten seien die Schulen und der Flughafen geschlossen worden. In der Nacht zum Montag sollen Huthis und andere Stammesmilizen drei saudischen Grenzposten vorübergehend erobert haben. Meldungen der Angreifer über Opfer in der saudischen Armee wurden in Riad nicht bestätigt. In der Stadt Najran, die bis 1934 zu Jemen gehörte, leben viele Schiiten sowie Angehörige der ismaelitischen Minderheit in Saudi-Arabien.

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