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Japan und die Todesstrafe

Die japanische Justiz hat sechs weitere Sektenmitglieder hinrichten lassen, die 1995 einen Giftgasanschlag in der U-Bahn von Tokio verübt haben. Es dürften die letzten Hinrichtungen in der Industrienation gewesen sein. Vorläufig.
Angela Köhler, Tokio
Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn vor 23 Jahren: Opfer werden versorgt. Archivbild: Kyodo News via AP (Tokio, 20. März 1995)

Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn vor 23 Jahren: Opfer werden versorgt. Archivbild: Kyodo News via AP (Tokio, 20. März 1995)

Nur knapp drei Wochen nach der Exekution von Sektenführer Shoko Asahara und einem halben Dutzend seiner Komplizen hat die japanische Justiz gestern Donnerstag erneut zugeschlagen. Sechs weitere Terroristen der Endzeitgruppe Aum Shinrikyo, die vor 23 Jahren mit einem Giftgasanschlag in der Tokioter U-Bahn 13 Menschen getötet und mehr als 6000 Passagiere verletzt hatte, wurden in den Morgenstunden gehängt. Damit wurde nun die Todesstrafe aller verurteilten Mörder der Sekte «Höchste Wahrheit», die Japan mit ihren Sarin-Attacken in Angst und Schrecken versetzt hatte, vollstreckt.

Noch nie zuvor in Japans jüngster Geschichte wurden innerhalb eines Monats 13 Menschen zum Galgen geführt. Die fernöstliche Wirtschaftsmacht gehört zu den wenigen Industriestaaten, die bisher ohne grössere Bedenken an der Todesstrafe festhalten. Allein in der Amtszeit von Premierminister Shinzo Abe seit Dezember 2012 wurden nach inoffiziellen Berechnungen 34 Verbrecher exekutiert.

Warten auf den Henker

Japans Regierung beruft sich bei solchen Entscheidungen auch darauf, dass die deutliche Mehrheit der Bevölkerung die Todesstrafe für Kapitalverbrechen oder Terroranschläge für angemessen hält. Einige Umfragen ergaben, dass bis zu 80 Prozent der Japaner es völlig rechtens finden, Mörder per Gesetz aus dem Leben zu befördern, wenn ihr Urteil rechtskräftig ist. Nur knapp einer von zehn hält die Todesstrafe für unmenschlich. Mehr als hundert Kandidaten für den Strang warten derzeit noch auf den Henker. Auch abschliessend rechtskräftig Verurteilte sitzen teilweise mehr als ein Jahrzehnt in den Todeszellen.

Sie erwartet stets dasselbe Prozedere: Die Delinquenten selbst erfahren erst kurz vor der Hinrichtung, dass ihre letzte Stunde geschlagen hat. Beim Wecken teilt ein Henker ihnen mit, dass heute ihre Exekution bevorsteht. Auf dem Weg zum Strang bleibt oft nur noch Zeit für ein kurzes Gebet. Mit gefesselten Händen und verbundenen Augen wird der Todeskandidat zum Galgen geführt. «Los jetzt», sagt dann der Diensthabende, und mehrere Vollzugsbeamte betätigen gleichzeitig Knöpfe. Am Ende soll niemand wissen, wer die Falltür geöffnet hat. Keiner braucht sich als Henker zu fühlen. Die Familien werden erst im Nachhinein informiert, oft durch einen Anruf: «Bitte holen Sie den Leichnam ab – oder wollen Sie ihn bereits eingeäschert?»

Auch wegen dieser inhumanen Umstände ist die Höchststrafe in Japan nicht gänzlich unumstritten. Bis 1993 galt vier Jahre lang wegen des internationalen Drucks auf Tokio sogar ein Moratorium, das zwar die Todeszelle erlaubte, die Vollstreckung des Urteils jedoch aussetzte. Auch danach liessen einige Justizminister wegen ihres buddhistischen Glaubens keine Hinrichtungen mehr zu.

Busse für das Trauma einer Nation

Die aktuelle Amtsinhaberin Yoko Kamikawa sieht die Rechtslage jedoch anders. Auf einer Pressekonferenz nach der Exekution von Sektenguru Asahara erklärte sie, die Todesstrafe sei angesichts der abscheulichen Verbrechen «unvermeidbar» gewesen. Der pseudoreligiöse Führer und seine Jünger stehen für das Trauma einer Nation, das bis zum U-Bahn-Anschlag am 20. März 1995 daran glaubte, in einem der sichersten Länder der Erde zu leben. Viele Japaner sehen in diesen und anderen Attentaten der militanten Sekte, die angeblich die Welt mit Gewalt «erlösen» wollte, den Beginn des organisierten Terrors gegen eine zivile Öffentlichkeit.

Am Ende standen 191 Aum-Mitglieder vor Gericht. Das letzte Verfahren ging nach mehreren Berufungen erst im Januar 2018 zu Ende. Insgesamt soll dieser Terrorbund rund 10000 Anhänger in aller Welt, auch in Europa gezählt haben.

Rechtsanwälte wollen Exekutionen abschaffen

Dieses Kapitel ist für die japanische Justiz nunmehr abgeschlossen. Es gibt zwei Ereignisse in naher Zukunft, die diesen radikalen Schlussstrich plausibel machen. Im April kommenden Jahres wird Kaiser Akihito als erster Tenno seit Jahrhunderten freiwillig in den Ruhestand gehen. Und im Juli 2020 veranstaltet Tokio zum zweiten Mal die Olympischen Sommerspiele. Vor allem dieses Fest der Sportjugend nahm die Japanische Föderation der Rechtsanwälte zum Anlass für einen dringlichen Appell an die Regierung, Exekutionen abzuschaffen und Gnade vor Recht ergehen zu lassen.

Vielleicht deswegen jetzt diese Eile. Japan will noch rechtzeitig Gras über seine rigorose Justizpolitik wachsen lassen, ohne jedoch von seinen Grundprinzipien abgehen zu wollen. Es ist also damit zu rechnen, dass mit den Aum-Mördern für längere Zeit die letzten Todeskandidaten zum Galgen geführt wurden.

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