Japan ist schockiert: Der Kaiser will abdanken

TOKIO. Noch ist es nur eine Ankündigung. Aber Japans Medien reagierten schockiert und überschlugen sich mit Spekulationen. Kaiser Akihito möchte abdanken, berichteten gestern gleich mehrere seriöse Medien. Der beim Volk sehr beliebte Tenno habe diese Absicht mit Vertrauten erörtert.

Angela Köhler
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TOKIO. Noch ist es nur eine Ankündigung. Aber Japans Medien reagierten schockiert und überschlugen sich mit Spekulationen. Kaiser Akihito möchte abdanken, berichteten gestern gleich mehrere seriöse Medien. Der beim Volk sehr beliebte Tenno habe diese Absicht mit Vertrauten erörtert. Der Plan des Kaisers sei von seiner Frau, Kaiserin Michiko, sowie den beiden Söhnen, Kronprinz Naruhito und Prinz Akishino, akzeptiert worden, hiess es.

Nicht sofort, sondern erst in ein «paar» Jahren will der 82-Jährige das Zepter an Kronprinz Naruhito weiterreichen. Einen Rücktritt des Tennos hat es seit 200 Jahren nicht mehr gegeben. Die Vorgänger von Akihito hatten den Chrysanthementhron bis zu ihrem Lebensende besetzt. In der Verfassung ist eine Abdankung nicht vorgesehen. Selbst das Kaiserliche Hofamt, Gralshüter aller Zeremonien und Traditionen, schreibt keine Regeln für eine geordnete Thronfolge zu Lebenszeiten vor.

Zu viele Pflichten

Von einer «Schockankündigung» berichteten gestern Extrablätter. Der öffentlich-rechtliche TV-Sender NHK informierte unter Berufung auf ungenannte Quellen aus dem Hofamt, der Kaiser der ältesten Erbmonarchie der Welt wolle dies nicht mehr sein, wenn er seine offiziellen Pflichten reduzieren müsse. Die Nachrichtenagentur Kyodo publizierte eine ähnliche Story und bezog sich auf Regierungskreise. Der Kaiser wurde mit den Worten zitiert: «Diese Position sollte jemand übernehmen, der alle damit verbundenen Aufgaben auch erfüllen kann.»

Der als sehr zurückhaltend und hochsensibel geltende Monarch hatte in jüngster Zeit häufig über sein Alter geklagt, kleine Fehler bei Zeremonien eingestanden. Das Hofamt legte ihm immer wieder nahe, weniger zu arbeiten, Termine und Reisen einzuschränken. Im Mai wurden entsprechende Richtlinien erlassen. Abgesagt wurden vor allem Empfänge im Palast, beispielsweise Mittagessen mit ausländischen Staatsgästen und hohen Beamten aus den Provinzen. Dennoch blieb der Terminkalender relativ voll.

Dabei fiel auch dem Fernsehzuschauer auf, wie kränklich der Monarch aussieht, bleich im Gesicht, schmal und gebückt die Haltung. Nur das höfliche Lächeln ist geblieben wie immer. Das Gesicht zu wahren, gilt als oberste Lebensregel in Japan – erst recht für einen Tenno. Immer, wenn er in der Öffentlichkeit auftaucht, am häufigsten zu seinem Geburtstag am 23. Dezember, jubeln ihm die Menschen frenetisch zu. Das Hofamt lehnte stets jede Stellungnahme zur Gesundheit des Kaisers ab und dementierte die Spekulationen um mögliche Erkrankungen des 1989 gekrönten Tennos.

Streit am Kaiserhof

Es gibt immer mehr Spekulationen über Streit hinter den hohen Mauern des Palastes, und manche sprechen sogar düster von «Tragödie». Es geht um einen erbitterten Familienzwist zwischen den konkurrierenden Brüdern Naruhito und Akishino, die sich – oder ihre Sprösslinge – immer mal wieder als potenzielle Thronfolger ins Spiel bringen. Hofmarschall Shingo Haketa hat sich einmal ungewohnt offen geäussert: «Bitte glauben Sie nicht, dass er sich einfach nur schlecht fühlt, weil er zu viele offizielle Pflichten zu erfüllen hat oder sein Terminkalender zu voll ist», liess Haketa die Öffentlichkeit wissen. «Seine Majestät sorgt sich um die Zukunft des Throns, des imperialen Systems, der Kaiser-Familie und um vieles andere.»

Der Kaiser selbst schweigt zu alledem.

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