Japan erwägt Änderung seiner Militärstrategie

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Konflikt Als Reaktion auf die «Macht, Feuer und Zorn»-Rede von US-Präsident Donald Trump droht Nordkorea mit einer wilden Attacke auf die zu den USA gehörende Insel Guam. Ein Militärsprecher kündigte an, ein Raketenüberfall könne «jederzeit» erfolgen, wenn Nordkoreas Führer Kim Jong Un den Befehl dazu erteile. Aufgrund der «rücksichtslosen militärischen Provokationen» der USA sei man möglicherweise «gezwungen», eine solche «unvermeidliche Entscheidung» zu treffen. Ein weiterer Sprecher Pjöngjangs kündigte einen «totalen Krieg» für den Fall an, dass die US-Streitkräfte einen Präventivschlag führen würden. Nordkorea würde «sämtliche Stützpunkte des Gegners ausrotten, auch auf dem amerikanischen Festland». Es ist durchaus vorstellbar, dass diese Verbaleskalation als eine Kurzschlussreaktion in einen militärischen Konflikt umschlägt. Guam liegt nur etwa 3400 Kilometer von Nordkorea entfernt (siehe Karte). In der Inselregion Mikronesien, zu der auch die Insel Saipan gehört, die von den USA als Stützpunkt für rückwärtige Dienste genutzt wird, hat die Drohung wie eine politische Bombe eingeschlagen. «Wir beten, dass die Vereinigten Staaten und unsere Verteidigungssysteme ausreichend sind, um uns zu beschützen», sagte Guams Regierungssprecher Benjamin Cruz der Nachrichtenagentur AP.

Madeleine Z. Bordallo, die für die US-Demokraten Guam im Washingtoner Kongress vertritt, forderte Präsident Trump auf, mit der Weltgemeinschaft zu kooperieren, um die Lage zu deeskalieren. Guam-Gouverneur Eddi Baza Calvo versucht, seine Landsleute zu beruhigen. Die Insel sei auf «alle Eventualitäten» vorbereitet. Es sei auch keine höhere Gefahrenstufe ausgelöst worden. Nordkorea müsse wissen, Guam sei nicht zuletzt auch US-Territorium. Auf Guam, einem sogenannten nichtinkorporierten Territorium der USA im Westpazifik, steht die riesige und militärstrategisch wichtige US-Airbase Andersen, von wo aus regelmässig strategische B1-Bomber zu Manövern in Richtung Koreanische Halbinsel starten. Der Stützpunkt nimmt rund ein Drittel des Territoriums ein.

Die Insel ist als «Hawaii des kleinen Mannes» auch das wichtigste Feriendomizil der Japaner. Rund 2600 Kilometer von Tokio entfernt zieht das tropische Eiland jährlich rund 900000 japanische Touristen an, die 70 Prozent aller Besucher stellen.

Ein «Anstieg der Bedrohung»

Mit der jüngsten – immer noch verbalen – Drohgebärde der Kim-Clique sieht sich Japan mit seiner dringlichen Warnung bestätigt, dass Nordkorea inzwischen technisch in der Lage sei, mit Raketen Atomsprengköpfe abzuschiessen. Japans Militärexperten sehen darin einen «qualitativen und quantitativen Anstieg der Bedrohung», erklärte der neue Verteidigungsminister Itsunori Onodera. Unter diesen Umständen müsse überprüft werden, ob «unsere gegenwärtige Raketenabwehr noch ausreicht». Damit leitet Japans Regierung offenbar einen militärischen Paradigmenwechsel ein. Möglich ist nun sogar eine Abkehr von der bisher geltenden defensiven Militärstrategie. Bislang verfügt Japans Militär über keine Kampfbomber oder Raketen zu Angriffszwecken. Der erst am letzten Donnerstag von Premierminister Shinzo Abe ins Amt berufene Verteidigungsminister will nun einen neuen militärischen Kurs verfolgen. Onodera sagte, er erwäge die «Option, den Selbstverteidigungskräften zu erlauben, sich so zu bewaffnen, dass diese nordkoreanische Raketenbasen direkt angreifen können». Laut Onodera sollte die Regierung dies überlegen, um «die Verteidigungskapazität der Allianz USA–Japan zu erhöhen sowie Leben und Gut des japanischen Volkes zu schützen». Generell müsse man angesichts der nordkoreanischen Bedrohung «Japans Fähigkeit, mit ballistischen Waffen umzugehen, auf den Prüfstand stellen».

Noch am Sonntag hatte Premier Abe auf einer Pressekonferenz zum 72. Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima erklärt, er habe momentan «keinen Plan», seinen Streitkräften die Möglichkeit zum Angriff auf andere Staaten zu gestatten. Eine solche Kriegsführung sei nach Artikel 9 der Verfassung verboten. Allerdings gestehen die jüngsten ­Gesetzesänderungen der Regierung zu, «Gegenschläge unter bestimmten Bedingungen als theoretisch akzeptabel zu betrachten». Dieser besondere Verteidigungsfall könnte bereits eintreten, wenn eine nordkoreanische Rakete nach einem Teststart japanisches Territorium überfliegt. In dem am Dienstag veröffentlichten Weissbuch des Verteidigungsministeriums warnen Militärexperten erstmals ausdrücklich vor einem Überraschungsangriff aus Nordkorea.

Angela Köhler, Tokio/Seoul