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Wieso die 25-Millionen-Stadt Jakarta absinkt

Der Boden unter Indonesiens Hauptstadt sinkt mit atemberaubender Geschwindigkeit ab. Die Stadt könnte sich schon bald auf dem Grund der Javasee wiederfinden. Der Präsident sucht bereits nach einer neuen Hauptstadt.
Ulrike Putz
Landwirte arbeiten in den Reisfeldern in verfärbtem, wohl von der Textilindustrie verschmutztem Wasser. (Bild: Eko Siswono Toyudho/Getty (Sukamaju, 15. März 2018))

Landwirte arbeiten in den Reisfeldern in verfärbtem, wohl von der Textilindustrie verschmutztem Wasser. (Bild: Eko Siswono Toyudho/Getty (Sukamaju, 15. März 2018))

Um das Meer zu sehen, muss man sich in einigen Ecken Jakartas bereits auf die Zehenspitzen stellen: Wer etwa im Stadtteil Muara Baru spazieren geht, steht irgendwann vor einer brüchigen, feuchten Mauer, die etwa auf Augenhöhe endet. Hinter ihr schwappt – nur ein paar Hände breit von der Mauerkrone entfernt – die Javasee, an deren Küste die indonesische Hauptstadt einst gebaut wurde. «Wenn diese Mauer bricht, wird das Wasser innerhalb von ein bis zwei Tagen vier bis fünf Kilometer tief in die Stadt vordringen», sagt Jan Jaap Brinkmann, niederländischer Deich- und Delta-Experte. «Es wird langsam wirklich gefährlich.»

Jakarta schön zu nennen, fällt selbst seinen grössten Fans schwer. Gut 25 Millionen Menschen drängen sich an der Nordwestküste Javas in einem Moloch, der aus Zigtausenden slumähnlichen Dörfern zusammengewachsen ist. Aus dem eingeschossigen Flickenteppich dieser Kampongs wachsen immer mehr Apartmentblöcke, Hotels und Shoppingmalls in den Himmel. Zerschnitten wird das Gewimmel von chronisch verstopften Strassen. Zwar wuchert überall tropisches Grün, doch statt nach Frangipani riecht Jakarta nach Kloake: Die Hauptstadt wird von unzähligen stinkenden Wasserläufen durchzogen. In 13 Flüssen und durch Dutzende Kanäle wälzen sich die reichen Niederschläge aus den nahen Bergen dem Meer entgegen und werden dabei von den Anwohnern als Müllabfuhr und Abwasserrohr missbraucht.

Rasantes Absinken hat politische Ursachen

Dass Jakarta ein Wasserproblem hat, ist spätestens seit dem Februar 2007 jedem hier klar. Drei Tage Dauerregen setzten damals zwei Drittel der Stadt unter Wasser, 80 Menschen starben. Während der schwersten Überschwemmung seit Beginn der Aufzeichnungen vor 300 Jahren stieg der Pegel in einigen Vierteln auf über sieben Meter. «Damals dachten alle, dass es die steigenden Meeresspiegel sind. Doch der Klimawandel ist ein sehr langsamer Prozess», sagt Brinkmann, Küstenschutz-Experte bei Deltares. Die niederländische Organisation mit dem Motto «Das Leben im Delta möglich machen» hilft Küstenstädten weltweit, sich gegen die Folgen des Klimawandels zu wappnen.

«Wenn diese Mauer bricht, wird das Wasser innerhalb von ein bis zwei Tagen vier bis fünf Kilometer tief in die Stadt vordringen.»

Brinkmann und seine Kollegen stellten schnell fest, dass nicht der steigenden Meeresspiegel Jakartas grosses Problem ist: Die Stadt selbst sinkt, und zwar in rasantem Tempo. Während der Boden unter Venedig etwa 2 Millimeter im Jahr nachgibt, sackt Nordjakarta jedes Jahr bis zu 25 Zentimeter ab. Vier Millionen Menschen leben inzwischen in Vierteln, die bis zu vier Meter unter dem Meeresspiegel liegen. Geschützt werden sie derzeit nur von nässenden Mauern wie der, die im Stadtteil Muara Baru die Fluten zurückhält. Dass Jakarta die am schnellsten sinkende Stadt weltweit ist, hat politische Ursachen: Trotz des ungehemmten Wachstums wurde in den vergangenen Jahrzehnten keine adäquate Infrastruktur für Millionen neue Einwohner geschaffen. So kommt es, dass heute nur etwa 60 Prozent der Haushalte an das Leitungswassernetz angeschlossen sind. Etwa die Hälfte der Hauptstädter lebt von Wasser aus illegal gebohrten Brunnen. Auch die vielen Grossbaustellen beziehen ihr Wasser meist direkt aus dem Boden unter den Füssen der Arbeiter. Öffentliche Gebäude dürfen sogar legal Wasser aus eigener Bohrung nutzen: kein Ministerium, das eine Wasserrechnung zahlt. Das Resultat: Der weiche Untergrund aus Sand und Lehm, auf dem Jakarta gebaut ist und in dem das Grundwasser gespeichert ist, wird leergesaugt und sinkt dabei in sich zusammen wie ein misslungenes Soufflé. Dass die Depots trockenfallen, obwohl in diesen Breitengraden fast täglich tropische Wolkenbrüche niedergehen, erscheint erst einmal paradox. Doch sind heute 97 Prozent des Stadtgebietes mit Asphalt und Beton versiegelt. Regenwasser kann nicht versickern und fliesst – statt die Reservoirs aufzufüllen – ungenutzt ins Meer ab.

Mega-Projekt ist nur ein Notnagel

Hydrologen sagen, dass Jakarta nur noch etwa zehn Jahre Zeit hat, um seinen Untergang aufzuhalten. Sollte das misslingen, wird sich Nordjakarta – und damit ein Grossteil des Wirtschaftszentrums Indonesiens – demnächst auf dem Grund der Javasee wiederfinden. Um nicht als modernes Atlantis zu enden, hatte die Regierung 2014 ein ehrgeiziges Projekt angeschoben: Ein 40 Kilometer langer Deich soll die Bucht von Jakarta vom offenen Meer abtrennen und so die dahinter liegende Stadt schützen. Die Befürworter des Projekts, dass nach dem adlerähnlichen Wappentier Indonesiens «The Great Garuda» genannt wird, träumen davon, den Deich zu einem neuen Stadtviertel mit Luxusapartments und Marinas zu entwickeln. Investoren könnten helfen, die geschätzten 40 Milliarden Franken Kosten für das Projekt aufzubringen, argumentieren sie. Über das Bollwerk könnte auch eine grosse Umgehungsstrasse führen, die dringend benötigt wird, um die Innenstadt von Jakarta zu entlasten. Doch in der Bevölkerung gibt es erbitterten Widerstand gegen das Mega-Projekt. Küsten-Anrainer fürchten, enteignet und umgesiedelt zu werden. Fischer, die um ihren Lebensunterhalt bangen, verklagen die Stadtverwaltung. Umweltschützer wiederum warnen, dass die Flüsse Jakartas gesäubert werden müssten, bevor der Deich geschlossen werden könne. Die künstlich erschaffene Lagune würde sonst in kürzester Zeit mit verseuchtem Abwasser volllaufen. Tatsächlich reinigt das einzige Klärwerk der Hauptstadt derzeit nur etwa 2 Prozent der anfallenden Kloake, der Rest geht ungeklärt ins Meer.

Doch um Jakartas Flüsse zu säubern, müssen in der Stadt und flussaufwärts Systeme für Abwasser- und Müllentsorgung geschaffen werden: Wieder ein Problem, das angesichts der von Korruption zerfressenen indonesischen Verwaltung schier unlösbar erscheint.

Einig sind sich alle Kritiker darin, dass der Deich nur ein Notnagel sei und das Problem bei der Wurzel gepackt werden müsse. «Am wichtigsten ist es, das Absinken zu stoppen», sagt Wasserexperte Brinkmann. Im Grunde sei das nicht schwierig: Man müsse nur aufhören, Grundwasser abzupumpen. Das gelinge, wenn genügend sauberes Leitungswasser zur Verfügung zu stellen. «Viele Städte weltweit haben das geschafft», so Brinkmann. Tokio etwa sei zwischen 1900 und 1960 um vier Meter gesunken. Einmal alarmiert, habe die Stadtverwaltung das Absacken innerhalb von nur zehn Jahren zum Stillstand gebracht. Doch um seinen Bürgern ausreichend Leitungswasser zu liefern, muss Jakarta ­Anwälte bemühen. 1995 wurde die Trinkwasserversorgung privatisiert. Die Weltbank, die den Schritt empfohlen hatte, versprach sich davon bessere Dienstleistungen. Doch das Gegenteil trat ein: Wasser wurde immer knapper und teurer. In einem langjährigen juristischen Hin und Her entschied im Oktober 2017 zuletzt der Oberste Gerichtshof des Landes, dass die Privatisierung unzulässig war.

Regierung nicht von Rettung überzeugt

Doch bis Jakarta die Hoheit über sein Wasser und damit den Ausbau der Infrastruktur endgültig zurückerobert, wird noch mehr wertvolle Zeit vergehen. Selbst Jakartas Regierung scheint sich inzwischen nicht mehr sicher, ob die Rettung der Metropole vor den Fluten gelingen wird. Es sei durchaus denkbar, dass seine Heimat als «gescheiterte Stadt» enden könne, sagte der Klimawandel-Berater des amtierenden Gouverneurs, Irvan Pulungan, kürzlich der «New York Times». Auch Präsident Yoko Widodo baut lieber vor: 2017 beauftragte er die Planungsbehörde mit der Suche nach einem Standort für eine neue Hauptstadt für Indonesien. Aussichtsreichste Kandidatin ist derzeit die Stadt Palangkaraya auf der Insel Borneo. Sie hat zwar nur 200 000 Einwohner und müsste enorm vergrössert werden, um die Regierung aufzunehmen. Aber Palangkaraya hat einen grossen Vorteil: Es liegt 170 Kilometer vom Meer entfernt.

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