Ja zur Homo-Ehe – «eine Niederlage der Menschheit»

Der Vatikan hat auf das irische Volks-Ja zur gleichgeschlechtlichen Ehe reagiert. Das war zu erwarten. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sagte: «Ich bin sehr traurig über das Ergebnis. Doch die Kirche muss die Realität berücksichtigen.»

Walter Brehm
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Pietro Parolin Kardinalstaatssekretär (Bild: epa)

Pietro Parolin Kardinalstaatssekretär (Bild: epa)

Der Vatikan hat auf das irische Volks-Ja zur gleichgeschlechtlichen Ehe reagiert. Das war zu erwarten. Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin sagte: «Ich bin sehr traurig über das Ergebnis. Doch die Kirche muss die Realität berücksichtigen.»

Damit will Parolin aber keine Wende in der Familienpolitik der katholischen Kirche ankündigen. Die Realität fordere vielmehr, «die Verpflichtung zur Evangelisierung zu stärken». Man müsse alles dafür tun, die traditionelle Familie zu verteidigen, sie sei die Zukunft der Kirche.

Starke Worte stellen Fragen

Und dann greift der Kardinal zu einem drastischen Wort und vergreift sich dabei wohl in der Begrifflichkeit. «Ich glaube, man kann nicht von einer Niederlage christlicher Prinzipien sprechen, sondern muss von einer Niederlage der Menschheit sprechen.» Starke Worte, die nicht nur die Frage stellen, wie weit die katholische Kirche respektive Kardinal Parolin für die ganze Christenheit sprechen kann. Die evangelisch-reformierten Kirchen werden das anders sehen. Doch der Anspruch, den der Kardinal stellt, geht viel weiter, will die Menschheit als Ganzes in die Pflicht nehmen.

Doch die Familien-Synode, eine Versammlung aller Bischöfe der Welt, soll ja erst im kommenden Oktober gerade über die für sie heiklen Themen wie den Umgang mit Homosexuellen, generell über die Sexualität ausserhalb der Ehe und auch über den Status von wiederverheirateten, geschiedenen Katholiken beraten.

Hoffen auf Franziskus

Viele katholische Gläubige erhoffen sich dann von Papst Franziskus eine Öffnung in diesen Fragen. Unter seinem Pontifikat sind diese Fragen immerhin Themen geworden, über die in der Kirche offen diskutiert werden kann.

«Wenn jemand schwul ist und er den Herrn sucht und guten Willen zeigt – wer bin ich, das zu verurteilen?», hatte der Pontifex bereits vor zwei Jahren dazu gesagt.

Keine kleine Minderheit

Eine Niederlage für die Menschheit? Der Kardinalstaatssekretär mahnt da ja nicht eine kleine radikale Minderheit zur Räson. In Deutschland nannte die konservative Zeitung «Die Welt» das Abstimmungsergebnis in Irland «eine Kulturrevolution». Zustimmung zu dieser Sicht gab es bis in die regierenden christlichen Unionsparteien, deren offizielle Position allerdings immer noch die Ablehnung der Homo-Ehe ist.

Gesellschaftspolitische Themen wie die gleichgeschlechtliche Ehe wurden bisher in den meisten europäischen Staaten nur im nationalstaatlichen Rahmen debattiert. Nun ist das Volks-Ja in Irland aber für viele katholische Europäer ein Fanal und das Land zum Vorreiter in Sachen Emanzipation geworden.

Drohender Kulturkampf

Denn auch wenn der Volksentscheid kaum eine Niederlage für die Menschheit ist, so ist er doch ein deutliches Signal an die Welt. Kardinal Parolin kann nach dem Votum der mehrheitlich katholischen Iren kaum noch behaupten, wo die katholische Kirche stark sei, gebe es keine Homo-Ehe.

Die Verurteilung der Vox populi in Irland oder die Einengung der geplanten Familiendebatte in der katholischen Kirche mit der Moralkeule könnte eher die Gefahr bergen, dass sich die katholische Kirche in einem ruinösen Kulturkampf verstrickt, statt wirklich über ihre Zukunft zu debattieren.