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Serie

Ja nicht in die erste Reihe setzen: Wieso die Inkognito-Taktik der Schweiz in der DDR scheiterte

Die Schweiz ging früh auf Tuchfühlung mit der DDR. Doch 1952 endete die Liaison abrupt. Das Verhältnis blieb jahrzehntelang belastet.
Ricardo Tarli und Enrico Seewald

Dramatischer hätte das Jahr 1949 aus Schweizer Sicht kaum verlaufen können. Zwei Monate nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland am 23. Mai ereignete sich eine Tragödie, die den auswärtigen Dienst des Landes erschütterte: Der Schweizer Delegationsleiter in Berlin, François de Diesbach, verlor bei einem Segelunfall auf der Havel sein Leben. Kurz darauf, am 7. Oktober, wurde das Gebiet der sowjetischen Besatzungszone zur Deutschen Demokratischen Republik erklärt.

Das Schweizerhaus Friedrichstadt an der Ecke Fiedrichstrasse und Leipzigerstrasse in Ostberlin, wo die Schweiz bis 1953 ihre Delegation unterbrachte. (Bild: Keystone)

Das Schweizerhaus Friedrichstadt an der Ecke Fiedrichstrasse und Leipzigerstrasse in Ostberlin, wo die Schweiz bis 1953 ihre Delegation unterbrachte. (Bild: Keystone)

Die Gründung der zwei deutschen Staaten stellte die auf Neutralität bedachte schweizerische Aussenpolitik vor enorme Herausforderungen. Die zwei deutschen Nationen standen unter fremder Besatzung und wurden vom Bundesrat daher nicht als vollwertige Staaten betrachtet. Das für die Aussenpolitik zuständige Eidgenössische Politische Departement schreibe dazu am 28. Oktober 1949: «Die Anerkennung einer der beiden Regierungen würde nicht nur allen Grundsätzen unserer Politik, sondern auch der vom Bundesrat vertretenen Auffassung eines ungeteilten Deutschland widersprechen.»

Faktisch bemühte sich der Bundesrat aber um ein gutes Einvernehmen mit beiden deutschen Staaten. So zeigte sich die Schweiz – trotz ideologischer Vorbehalte – gegenüber der DDR aufgeschlossen und ging mit den kommunistischen Funktionären früh auf Tuchfühlung. Mit ihren Avancen verfolgte die Schweiz vornehmlich die Absicht, die eigenen Landsleute in der DDR besser betreuen zu können.

Die Idee einer eigenen Vertretung in Ost-Berlin gab der Bundesrat aber wegen des Widerstands der Westmächte schon im Dezember 1949 auf. Die Schweizer Delegation verfügte zu diesem Zeitpunkt in Ost-Berlin bereits seit einigen Monaten über Büroräume im «Haus Friedrichstadt» in der Friedrichstrasse. Von dort aus wurden Schweizer Bürger mit Lebensmitteln versorgt und die Ausreise rückkehrwilliger Landsleute organisiert. Das denkmalgeschützte Geschäftshaus existiert noch heute.

Schickt eure Kinder nicht zu den Kommunisten!

Am 7. Oktober 1949 wählte das ostdeutsche Parlament Wilhelm Pieck zum ersten (und einzigen) Präsidenten der DDR. Der interimistische Chef der Schweizer Delegation in Berlin, Emil Stadelhofer, wurde zu den nachfolgenden Parlamentssitzungen eingeladen. Doch aus Schweizer Sicht war seine offizielle Teilnahme nicht opportun, denn sie hätte als Anerkennung der DDR interpretiert werden können. Deshalb schickte man Otto Burki, den Leiter der Schweizer Handelsabteilung, an die Sitzungen – inkognito.

Von seinem Chef bekam Burki die Anweisung, einen mitteldunklen Anzug zu tragen und sich in keinem Fall in die erste Reihe zu setzen. Burki sollte alles vermeiden, was zur Registrierung seiner Personalien führen würde, was automatisch zu seiner Begrüssung im Plenum geführt hätte. Mit dem Delegationsauto sollte er sich nicht direkt vor das Gebäude fahren lassen, sondern die letzten Meter zum Tagungsort zu Fuss gehen.

Doch schon bei der vierten Sitzung der Volkskammer flog die ungeschickte Tarnung auf: Otto Burki wurde als Ehrengast und Vertreter der Schweizer Mission in Berlin unter Beifall begrüsst. Die DDR-Führung schlachtete die diplomatische Panne propagandistisch gnadenlos aus. Das «Neue Deutschland», das Parteiorgan der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), vermeldete Burkis Teilnahme an der Sitzung am nächsten Tag auf der Titelseite. In der Schweiz sorgte das für Unmut. Die «Rorschacher Zeitung» etwa bemerkte, Schweizer Diplomaten hätten bei Staatsakten in «Pieckistan» nichts zu suchen.

Zu einer schweren diplomatischen Krise mit der Schweiz kam es im Sommer 1950. In einem Rundschreiben des neuen Schweizer Delegationschefs Felix Schnyder wurden die in der DDR wohnhaften Schweizer zur politischen Zurückhaltung aufgefordert. Ein grosses gesellschaftliches Engagement von Auslandschweizern in ihrem Gastland sei mit der Treue zur Heimat nicht zu vereinbaren, liess der Schweizer Diplomat verlauten. Darüber hinaus riet Schnyder seinen Landsleuten in der DDR, ihre Kinder nicht in kommunistische Jugendvereine zu schicken.

Die ostdeutschen Funktionäre empfanden Schnyders Aufruf als einen Affront. In ihrem totalitären Staat sollten alle Einwohner politisch instrumentalisiert und auf Linie gebracht werden.

Im Frühjahr 1952 entspannten sich die ostdeutsch-schweizerischen Beziehungen. In Ost-Berlin fanden Gespräche über ein Handelsabkommen mit der Schweiz statt. Man diskutierten über die mögliche Errichtung einer Schweizer Mission in Ost-Berlin. Das wäre für die international isolierte DDR ein aussenpolitischer Erfolg gewesen. Doch soweit sollte es nicht kommen.

Dass die Eidgenossenschaft überhaupt erst auf das kommunistische Regime zugegangen war, lag nicht zuletzt auch an handfesten finanziellen Interessen: Die Schweiz forderte unter anderem die Sicherung der hauptsächlich in Firmenbeteiligungen und Immobilien bestehenden Vermögenswerte von Schweizer Bürgern in der DDR.

Die DDR liess die Schweizer Büros räumen

Die Erfüllung der finanziellen Forderungen machte die Schweiz zur Bedingung für die Aufnahme amtlicher Beziehungen mit der DDR. Doch die Führung der SED ging darauf nicht ein: Im Mai 1952 beschloss das Politbüro, das oberste Führungsgremium der Staatspartei, die Verhandlungen mit der Schweiz über eine mögliche Schweizer Mission in Ostberlin abzubrechen.

Nach der Parteikonferenz der SED im Juli 1952 verschärfte sich der Konflikt. Ende Oktober verfügte das Politbüro die Schliessung der Ost-Berliner Dependance der Schweizer Delegation. Ostdeutsche Dienststellen durften fortan nicht mehr mit der Delegation verkehren. Die Räumung der Büros in der Friedrichstrasse wurde generalstabsmässig vorbereitet und im Januar 1953 durchgeführt. Die Schweiz hatte ab sofort keine Vertretung mehr in der DDR.

Erst knapp 20 Jahre später, am 20. Dezember 1972, stimmte der Bundesrat der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur DDR zu. 1973 wurden bilaterale Botschaften errichtet. Die Führung der SED hatte dabei auf dem Papier die Forderungen anerkannt, an denen die Verhandlungen 1952 gescheitert waren. Erfüllt aber wurden die Wünsche der Schweiz bis zum Zusammenbruch der DDR im November 1989 nicht.

Was die SP von Emil über den Umgang mit der DDR hätte lernen können

Fünf Tage lang tourte der Kabarettist Emil Steinberger in den 70er Jahren durch die Theatersäle in Ost-Berlin und brachte eine Prise Schweizer Humor in den grauen DDR-Alltag. «Lachen getraute man sich nicht so richtig», erinnert sich Emil.

Mindestens freundlich gelächelt wurde beim vierstündigen Treffen der Parteileitung der Schweizer Sozialdemokraten mit Erich Honecker, dem Chef der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), am 4. Juli 1982. SP-Präsident Helmut Hubacher reiste mit seinem Vize Peter Vollmer auf Einladung der DDR-Partei nach Ost-Berlin und sprach mit dem Regime über «die friedliche Koexistenz von Staaten unterschiedlicher gesellschaftlicher Systeme», wie aus einem gemeinsamen Communiqué hervorging.

Der Auftritt der Schweizer Politiker sorgte in der DDR für Begeisterung: Das SED-Parteiblatt «Neues Deutschland» berichtete über den seltenen Besuch westlicher Parteivertreter. In der Schweiz reagierte man ganz anders auf den heiklen Ost-Trip. Die NZZ schrieb, die Schweizer Delegation habe sich vor den Propaganda-Karren der Kommunisten spannen lassen, statt der DDR-Führung kritische Fragen zu stellen. Auch die SP gestand später ein, dass der Besuch «eine besondere Problematik» dargestellt habe.

Die Rechtfertigung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Vertreter der Schweizer Linken mehr als nur Sympathien hatten für das kommunistische Regime. Ein Vorbild hätten sie sich an Emil nehmen können. Der lehnte das Angebot ab, nach seinem Ost-Berlin-Aufenthalt eine Tour durch die DDR abzuhalten. Er wolle fürs Volk spielen, nicht für kommunistische Funktionäre, sagte der Kabarettist.
(Samuel Schumacher)

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